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Das häßliche junge Entlein
Das häßliche junge Entlein Märchen

Das häßliche junge Entlein - Märchen von Hans Christian Andersen

Vorlesezeit für Kinder: 27 min

Es war so herrlich draußen auf dem Lande! Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und der Storch ging auf seinen langen, roten Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Aecker und die Wiesen waren große Wälder, und mitten in den Wäldern tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich da draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Landgut, von tiefen Kanälen umgeben.

Und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, dass kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten. Es war eben so wild darin, wie im tiefsten Walde. Hier saß eine Ente auf ihrem Neste, welche ihre Jungen ausbrüten musste; aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen. Dazu erhielt sie selten Besuch. Die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als dass sie hinauf liefen, sich unter ein Klettenblatt zu setzen, um mit ihr zu schnattern.

Das hässliche junge Entlein Märchen

Endlich platzte ein Ei nach dem anderen; „Piep! piep!“ sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus. „Rapp! rapp!“ sagte sie. Und so rappelten sich Alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern. Und die Mutter ließ sie sehen, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen.

„Wie groß ist doch die Welt!“ sagten alle Jungen. Denn nun hatten sie freilich ganz anders Platz, als wie sie noch drinnen im Ei lagen. „Glaubt Ihr, dass dies die ganze Welt sei?“ sagte die Mutter. „Die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen!“ – „Ihr seid doch Alle beisammen?“ fuhr sie fort und stand auf. „Nein, ich habe nicht Alle. Das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll denn das dauern! Jetzt bin ich es bald überdrüssig!“ und so setzte sie sich wieder.

„Nun, wie geht es?“ fragte eine alte Ente, welche gekommen war, um ihr einen Besuch abzustatten. „Es währt so lange mit dem einen Ei!“ sagte die Ente, die da saß; „es will nicht platzen. Doch sieh nur die anderen an: sind es nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesammt ihrem Vater. Der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.“

„Lass mich das Ei sehen, welches nicht platzen will!“ sagte die Alte. „Glaube mir, es ist ein Kalekutenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Sorge und Noth mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser! Ich konnte sie nicht hineinbringen. Ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Lass mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Kalekutenei! Lass das liegen und lehre lieber die anderen Kinder schwimmen.“

„Ich will doch noch ein Bischen darauf sitzen,“ sagte die Ente; „habe ich nun so lange gesessen, so kann ich auch noch einige Tage sitzen.“

„Nach Belieben,“ sagte die alte Ente und ging von dannen. Endlich platzte das große Ei. „Piep! piep!“ sagte das Junge und kroch heraus. Es war so groß und so hässlich! Die Ente betrachtete es: „Es ist doch ein gewaltig großes Entlein das,“ sagte sie; „keins von den anderen sieht so aus; sollte es wohl ein kalekutisches Küchlein sein? Nun wir wollen bald dahinter kommen. In das Wasser muss es, sollte ich es auch selbst hineinstoßen.“

Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter. Die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanale hinunter. Platsch! da sprang sie in das Wasser. Rapp! rapp!“ sagte sie, und ein Entlein nach dem anderen plumpte hinein. Das Wasser schlug ihnen über den Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen so prächtig. Die Beine gingen von selbst, und alle waren sie im Wasser; selbst das hässliche, graue Junge schwamm mit.

„Nein, es ist kein Kalekut,“ sagte sie; „sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält. Es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es doch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde Euch in die große Welt führen, Euch im Entenhof präsentiren; aber haltet Euch immer nahe zu mir, damit Niemand Euch trete, und nehmt Euch vor den Katzen in Acht!“ Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Da drinnen war ein schrecklicher Lärmen, denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze.

„Seht, so geht es in der Welt zu!“ sagte die Entleinmutter und wetzte ihren Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. „Braucht nun die Beine!“ sagte sie; „seht, dass Ihr Euch rappeln könnt, und neigt Euern Hals vor der alten Ente dort. Die ist die vornehmste von allen hier. Sie ist aus spanischem Geblüt, deshalb ist sie so dick, und seht Ihr: sie hat einen roten Lappen um das Bein. Das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche einer Ente zu Teil werden kann. Das bedeutet so viel, dass man sie nicht verlieren will und dass sie von Tier und Menschen erkannt werden soll! – Rappelt Euch! – setzt die Füße nicht einwärts: ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit auseinander, gerade so wie Vater und Mutter; seht: so! Nun neigt Euern Hals und sagt: Rapp!“

Und das taten sie; aber die anderen Enten rings umher betrachteten sie und sagten ganz laut: „Sieh da! Nun sollen wir noch den Anhang haben; als ob wir nicht schon so genug wären! Und pfui! wie das eine Entlein aussieht. Das wollen wir nicht dulden!“ – Und sogleich flog eine Ente hin und biß es in den Nacken.

„Lass es gehen!“ sagte die Mutter; „es tut ja Niemanden etwas.“

„Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich,“ sagte die beißende Ente;“und deshalb muss es gepufft werden.“

„Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat,“ sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein: „alle schön, bis auf das eine: das ist nicht geglückt. Ich möchte, dass sie es umarbeiten könnte.“

„Das geht nicht, Ihro Gnaden!“ sagte die Entleinmutter; „es ist nicht hübsch, aber es hat ein innerlich gutes Gemüth und schwimmt so herrlich wie eines von den anderen, ja, ich darf sagen, noch etwas besser. Ich denke, es wird hübsch heranwachsen und mir der Zeit etwas kleiner werden. Es hat zu lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!“ Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. „Es ist überdies ein Entrich,“ sagte sie; „und darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen. Er schlägt sich schon durch!“

„Die anderen Entlein sind niedlich,“ sagte die Alte; „tut nun, als ob Ihr zu Hause wäret, und findet Ihr einen Aalkopf, so könnt Ihr mir ihn bringen.“

Und so waren sie wie zu Hause. Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum besten gehabt, und das sowohl von den Enten, wie von den Hühnern. „Es ist zu groß!“ sagten Alle, und der kalekutische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, dass er Kaiser sei, blies sich auf wie ein Fahrzeug mit allen Segeln, ging gerade auf dasselbe los, und dann kollerte er und wurde ganz roth am Kopfe. Das arme Entlein wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte. Es war so betrübt, weil es so hässlich aussah und vom ganzen Entenhofe verspottet wurde.

So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das arme Entlein wurde von Allen gejagt; selbst seine Schwestern waren so böse gegen dasselbe und sagten immer: „Wenn die Katze Dich nur fangen möchte, Du hässliches Geschöpf!“ Und die Mutter sagte: „Wenn Du nur weit fort wärst!“ Und die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit den Füßen darnach.
Da lief es und flog über den Zaun. Die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. „Das geschieht, weil ich so hässlich bin,“ dachte das Entlein und schloss die Augen, lief aber gleichwohl weiter. So kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht. Es war so müde und kummervoll.

Am Morgen flogen die wilden Enten auf, und sie betrachteten den neuen Kameraden. „Was bist Du für Einer?“ fragten sie. Und das Entlein wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. „Du bist außerordentlich hässlich!“ sagten die wilden Enten; aber das kann uns gleich sein, wenn Du nur nicht in unsere Familie hinein heiratest.“ – Das Arme! Es dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheiraten, wenn es nur die Erlaubniß erhalten konnte, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.

So lag es zwei ganze Tage. Da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin. Es war noch nicht lange her, dass sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck. „Höre, Kamerad!“ sagten sie; „Du bist so hässlich, dass wir Dich gut leiden mögen; willst Du mitziehen und Zugvogel werden? Hier nahebei in einem anderen Moore gibt es einige süße, liebliche wilde Gänse, sämmtlich Fräulein, die alle „Rapp!“ sagen können. Du bist im Stande, Dein Glück da zu machen, so hässlich Du auch bist!“

„Piff! paff!“ ertönte es eben, und beide wilde Gänseriche fielen todt in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutrot. – „Piff! paff!“ erscholl es wieder, und ganze Schaaren wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf. Und dann knallte es abermals. Es war große Jagd. Die Jäger lagen rings um das Moor herum. Ja, einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilfrohr hinstreckten. Der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; zum Moore kamen die Jagdhunde:

Platsch! platsch! Das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein! Es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein. Die Zunge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten gräulich hässlich. Er streckte seinen Rachen dem Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch! platsch! ging er wieder, ohne es zu packen.

„O, Gott sei Dank!“ seufzte das Entlein; „ich bin so hässlich, dass mich selbst der Hund nicht beißen mag!“

Und so lag es ganz stille, während die Schrote durch das Schilf sausten, und Schuß auf Schuß knallte.

Erst spät am Tage wurde es stille; aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moore, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese. Da tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine arme kleine Bauerhütte. Die war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte. Und darum blieb sie stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so, dass es sich niedersetzen musste, um sich dagegen zu stemmen. Und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.

Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Und der Kater, welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren. Er sprühte sogar Funken, aber dann musste man ihn gegen die Haare streicheln. Die Henne hatte ganz kleine niedrige Beine, und deshalb wurde sie Küchelchen-Kurzbein genannt. Sie legte gut Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein. Und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.

„Was ist das?“ sagte die Frau und sah sich ringsum; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, dass das Entlein eine fette Ente sei, die sich verirrt habe. „Das ist ja ein seltener Fang!“ sagte sie. „Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Entrich ist! Das müssen wir erproben.“

Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier. Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne war die Dame, und immer sagten sie: „Wir und die Welt!“ Denn sie glaubten, dass sie die Hälfte seien, und zwar die bei weitem beste Hälfte. Das Entlein glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könne! aber das litt die Henne nicht.

„Kannst Du Eier legen?“ fragte sie.

„Nein!“

„Nun, da wirst Du die Güte haben, zu schweigen!“

Und der Kater fragte: „Kannst Du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?“

„Nein!“

„So darfst Du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!“

Und das Entlein saß im Winkel und war bei schlechter Laune. Da fiel die frische Luft und der Sonnenschein herein. Es bekam solche sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen.

„Was fällt Dir ein?“ fragte die. „Du hast nichts zu tun, deshalb fängst Du Grillen! Lege Eier oder schnurre, so gehen sie vorüber.“

„Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen!“ sagte das Entlein; „so herrlich, es über den Kopf zusammenschlagen zu lassen und auf den Grund niederzutauchen!“

„Ja, das ist ein großes Vergnügen!“ sagte die Henne. „Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater danach – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen? Ich will nicht von mir sprechen. – Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist Niemand auf der Welt! Glaubst Du, dass die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über den Kopf zusammenschlagen zu lassen?“

„Ihr versteht mich nicht!“ sagte das Entlein.

„Wir verstehen dich nicht? Wer soll Dich denn verstehen können! Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater und die Frau; – von mir will ich nicht reden! Bilde Dir nichts ein, Kind! und danke Deinem Schöpfer für all‘ das Gute, das man Dir erwiesen! Bist Du nicht in eine warme Stube gekommen und hast eine Gesellschaft, von der Du etwas profitiren kannst? Aber du bist ein Schwätzer, und es ist nicht erfreulich, mit Dir umzugehen! Mir kannst Du glauben! Ich meine es gut mit Dir. Ich sage Dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen! Sieh nur zu, dass Du Eier legst oder schnurren und Funken sprühen lernst!“

„Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!“ sagte das Entlein.

„Ja, tue das!“ sagte die Henne.

Und das Entlein ging. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Häßlichkeit übersehen. Nun trat der Herbst ein. Die Blätter im Walde wurden gelb und braun. Der Wind fasste sie, sodass sie umhertanzten. Und oben in der Luft war es sehr kalt. Die Wolken hingen schwer mit Hagel und Schneeflocken. Und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie: „Au! au!“ vor lauter Kälte. Ja, es fror Einen schon, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut! Eines Abends – die Sonne ging so schön unter – kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busche. Das Entlein hatte solche nie so schön gesehen. Sie waren ganz blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen. Es waren Schwäne.

Sie stießen einen ganz eigenthümlichen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, langen Flügel aus und flogen von der kalten Gegend fort nach wärmern Ländern, nach offenen Seen! Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde so sonderbar zu Mute. Es drehte sich im Wasser wie ein Rad rund herum, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen aus und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, dass es sich selbst davor fürchtete. O, es konnte die schönen, glücklichen Vögel nicht vergessen. Und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es gerade bis auf den Grund.

Und als es wieder heraufkam, war es wie außer sich. Es wusste nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flögen; aber doch war es ihnen gut, wie es nie Jemanden gewesen. Es beneidete sie durchaus nicht. Wie konnte es ihm einfallen, sich solche Lieblichkeit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten – das arme hässliche Tier! Und der Winter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein musste im Wasser herumschwimmen, um das völlige Zufrieren desselben zu verhindern.

Aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, kleiner und kleiner. Es fror, sodass es in der Eisdecke knackte. Das Entlein musste fortwährend die Beine gebrauchen, damit das Loch sich nicht schloss. Zuletzt wurde es matt, lag ganz stille und fror so im Eise fest. Des Morgens früh kam ein Bauer. Da er dies sah, ging er hin, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Da wurde es wieder belebt.

Die Kinder wollten mit ihm spielen; aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas zu Leide tun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, sodass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfaß, dann hinunter in die Mehltonne und wieder herausflog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange danach. Die Kinder rannten einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen: sie lachten und schrieen! – Gut war es, dass die Tür aufstand und es zwischen die Reiser in den frisch gefallenen Schnee schlüpfen konnte; – da lag es, ganz ermattet.

Aber all‘ die Noth und das Elend, welches das Entlein in dem harten Winter erdulden musste, zu erzählen, würde zu trübe sein. Es lag im Moore zwischen dem Schilfe, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen. Es war herrlicher Frühling. Da konnte auf einmal das Entlein seine Flügel schwingen. Sie brausten stärker als früher, und trugen es kräftig davon. Und ehe dasselbe es recht wusste, befand es sich in einem großen Garten, wo die Aepfelbäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen, grünen Zweige bis zu den gekrümmten Kanälen hinunterneigte. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige, weiße Schwäne. Sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Das Entlein kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer eigenthümlichen Traurigkeit befangen.

„Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich todtschlagen, weil ich, der ich so hässlich bin, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getödtet, als von den Enten gezwackt, von den Hühnern geschlagen, von dem Mädchen, welches den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter Mangel zu leiden!“ Und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen. Diese erblickten es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los. „Tödtet mich nur!“ sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. – Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war.

Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat! Es fühlte sich ordentlich erfreut über all‘ die Noth und die Drangsale, welche es erduldet. Nun erkannte es erst recht sein Glück an all‘ der Herrlichkeit, die es begrüßte. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.

In dem Garten kamen einige kleine Kinder, die warfen Brod und Korn in das Wasser. Und das kleinste rief: „Da ist ein neuer!“ Und die anderen Kinder jubelten mit: „Ja, es ist ein neuer angekommen!“ Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brod und Kuchen in das Wasser geworfen, und sie sagten Alle: „Der neue ist der schönste! So jung und so prächtig!“ Und die alten Schwäne neigten sich vor ihm.

Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel. Er wusste selbst nicht, was er beginnen sollte. Er war allzu glücklich, aber durchaus nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz! Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war und hörte nun Alle sagen, dass er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog sich mit den Zweigen gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien so warm und so mild! Da brausten seine Federn, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: „So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!“

Hintergründe zum Märchen „Das häßliche junge Entlein“

„Das hässliche junge Entlein“ ist ein bekanntes Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Es wurde erstmals 1843 veröffentlicht und gehört zu seinen populärsten Werken. Die Geschichte handelt von einem hässlichen Entenküken, das aufgrund seines Aussehens von anderen Tieren ausgestoßen und verspottet wird. Im Laufe der Zeit verwandelt es sich jedoch in einen wunderschönen Schwan und findet endlich Anerkennung und Akzeptanz.

Persönliche Erfahrungen: Andersen hatte in seiner Kindheit und Jugend selbst mit Ablehnung und Diskriminierung zu kämpfen, da er aus einer armen Familie stammte und sich in der gehobenen Gesellschaft einen Platz erkämpfen musste. Die Erfahrungen, die er als Außenseiter machte, haben möglicherweise als Inspiration für „Das hässliche junge Entlein“ gedient.

Sozialkritik: Das Märchen thematisiert Vorurteile und soziale Ausgrenzung. Es zeigt, dass äußerliche Erscheinungen täuschen können und das wahre Potenzial eines Individuums häufig verborgen bleibt. Die Geschichte kritisiert die Gesellschaft für ihre Oberflächlichkeit und die Neigung, Menschen aufgrund ihres Aussehens und sozialen Status zu beurteilen.

Transformation und Selbstfindung: „Das hässliche junge Entlein“ ist auch eine Geschichte über Transformation und Selbstfindung. Das Entlein durchläuft eine physische und emotionale Wandlung, um schließlich sein wahres Selbst zu erkennen und sich selbst zu akzeptieren. Diese Botschaft spricht nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene an, da sie sich in unterschiedlichen Lebensphasen wiederfinden können.

Märchenmotiv: Die Verwandlung von hässlich zu schön ist ein gängiges Motiv in Märchen und Volkserzählungen. Diese Geschichten vermitteln oft die Botschaft, dass es auf innere Werte ankommt und die äußere Erscheinung nicht immer die Wahrheit über eine Person preisgibt.

Handlung: Die Geschichte handelt von einem grauen jungen Entlein, das von anderen Tieren verspottet und drangsaliert wird, weil es tollpatschig und unbeholfen wirkt. Das Entlein beschließt, davonzulaufen und erlebt verschiedene Abenteuer, bis es eines Tages sein Spiegelbild im Wasser kaum wiedererkennt: Es ist zu einem erwachsenen, stolzen Schwan geworden.

Archetyp des Außenseiters: Das hässliche Entlein repräsentiert den Archetypen des Außenseiters und dient als Kritik an der unbarmherzigen Umwelt. Andersen selbst war zeit seines Lebens ein Außenseiter und verarbeitete seine persönlichen Erfahrungen in der Geschichte. Die Erzählung wurde in verschiedene künstlerische Werke umgesetzt, darunter Filme, Musik, Opern und Theaterstücke.

Insgesamt ist „Das hässliche junge Entlein“ eine zeitlose Geschichte, die sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. Die Botschaften von Akzeptanz, Mitgefühl und Selbstfindung sind universell und haben dazu beigetragen, dass das Märchen auch heute noch große Beliebtheit genießt.

Interpretationen zum Märchen „Das häßliche junge Entlein“

„Das hässliche junge Entlein“ von Hans Christian Andersen kann auf verschiedene Weise interpretiert werden, da es vielschichtige Themen und Botschaften beinhaltet. Hier sind einige mögliche Interpretationen der Geschichte:

Selbstakzeptanz und Selbstwertgefühl: Das Märchen kann als eine Parabel für die Suche nach Selbstakzeptanz und Selbstwert verstanden werden. Das Entlein leidet unter Ablehnung und Hänseleien aufgrund seines Aussehens, doch am Ende erkennt es seinen wahren Wert und lernt, sich selbst zu akzeptieren und zu schätzen.

Identität und Individualität: Die Geschichte behandelt auch Fragen der Identität und Individualität. Das Entlein fühlt sich zunächst als Außenseiter und wird erst nach einer langen Reise und einer Verwandlung von der Gesellschaft akzeptiert. Die Botschaft ist, dass jeder Mensch auf seine eigene Art und Weise einzigartig und besonders ist und man sich selbst finden sollte, anstatt sich nach den Erwartungen der Gesellschaft zu richten.

Kritik an Oberflächlichkeit und Vorurteilen: Eine weitere Interpretation ist die Kritik an der Oberflächlichkeit und den Vorurteilen in der Gesellschaft. Das Märchen zeigt, wie voreilig und falsch es sein kann, Menschen oder Tiere allein aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Herkunft zu beurteilen. Erst nachdem das Entlein seine Verwandlung zum Schwan durchlaufen hat, erkennen die anderen Tiere und Menschen seine wahre Schönheit und seinen Wert.

Resilienz und Überwindung von Widrigkeiten: „Das hässliche junge Entlein“ kann auch als eine Geschichte über Resilienz und die Überwindung von Widrigkeiten gesehen werden. Das Entlein trotzt den Herausforderungen und schafft es, trotz aller Widerstände und Rückschläge zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.

Natur versus Kultur: Eine weitere Interpretation bezieht sich auf das Zusammenspiel von Natur und Kultur. Das Entlein wird von seiner natürlichen Umgebung abgelehnt, findet aber später in einer menschlichen Umgebung Akzeptanz und Anerkennung. Das Märchen kann so als eine Reflexion über die Rolle von Natur und Kultur in der Bildung von Identität und Selbstverständnis verstanden werden.

Insgesamt gibt es viele mögliche Interpretationen von „Das hässliche junge Entlein“. Die Geschichte enthält vielfältige Botschaften und Themen, die sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen und dazu anregen, über soziale Fragen und persönliche Entwicklung nachzudenken.

Adaptionen zum Märchen „Das häßliche junge Entlein“

Das Märchen „Das hässliche junge Entlein“ von Hans Christian Andersen hat im Laufe der Jahre zahlreiche Adaptionen und Neubearbeitungen erfahren. Die Geschichte wurde in verschiedenen Medien und Formaten wiedergegeben, darunter Film, Animation, Theater, Literatur und Musik. Hier sind einige konkrete Beispiele von Adaptionen:

Film und Animation: Walt Disney: Einer der bekanntesten animierten Kurzfilme ist der 1939 von Walt Disney produzierte „The Ugly Duckling“. Dieser von Jack Cutting und Clyde Geronimi inszenierte Silly Symphonies-Film vermittelt die Botschaft der Geschichte auf humorvolle Weise und gewann den Oscar für den besten animierten Kurzfilm. „Das hässliche Entlein“ (1997): Diese deutsche TV-Adaption von Hans Christian Andersens Märchen, inszeniert von Michael Ekbladh, verwendet Stop-Motion-Animation und Puppen.

Theater und Bühne: „Honk!“: Ein Musical, das auf „Das hässliche junge Entlein“ basiert, wurde 1993 von George Stiles und Anthony Drewe geschrieben. Es erzählt die Geschichte in einer zeitgenössischen, humorvollen Weise und hat seit seiner Premiere weltweit Erfolg.

Ballett: Verschiedene Ballettkompanien haben das Märchen in ihre Aufführungen aufgenommen, wobei die Handlung des Entleins durch den Tanz interpretiert wird.

Literatur: Kinderbücher: Es gibt unzählige Kinderbuchadaptionen und -interpretationen von „Das hässliche junge Entlein“, die das Märchen für jüngere Leser neu erzählen und illustrieren. Einige Beispiele sind „The Ugly Duckling“ von Jerry Pinkney, „The Ugly Duckling“ von Rachel Isadora und „El Patito Feo“ von Luz Orihuela. Parodien und Variationen: Verschiedene Autoren haben die Grundgeschichte aufgegriffen und sie in neuen Kontexten und mit unterschiedlichen Charakteren neu erzählt, wie zum Beispiel „Petite Rouge: A Cajun Red Riding Hood“ von Mike Artell, das die Geschichte in die Cajun-Kultur von Louisiana versetzt.

Musik: „The Ugly Duckling Song“: Der bekannte Song „The Ugly Duckling“ von Frank Loesser aus dem Jahr 1952 wurde von Danny Kaye gesungen und ist eine humorvolle musikalische Interpretation des Märchens. Verschiedene Komponisten haben „Das hässliche junge Entlein“ in klassischen oder zeitgenössischen musikalischen Werken verarbeitet, wie zum Beispiel Sergei Prokofiev, der eine musikalische Erzählung für Orchester und Erzähler auf der Grundlage von Andersens Märchen komponierte.

Diese Adaptionen und Interpretationen von „Das hässliche junge Entlein“ zeigen, wie sehr die Geschichte von Hans Christian Andersen Menschen auf der ganzen Welt beeinflusst und inspiriert hat. Die Botschaften von Akzeptanz und Selbstfindung sind universell und haben dazu geführt, dass das Märchen in verschiedenen Kulturen und Kunstformen Bestand hat.

Zusammenfassung der Handlung

„Das hässliche junge Entlein“ ist ein Märchen von Hans Christian Andersen, das die Geschichte eines Entenkükens erzählt, das aufgrund seines ungewöhnlichen und hässlichen Äußeren von anderen Tieren verspottet und ausgegrenzt wird. Die Geschichte beginnt damit, dass das Entlein auf einem Bauernhof schlüpft, wo es sofort wegen seines andersartigen Aussehens von den anderen Enten und Tieren verspottet wird. Das Entlein fühlt sich einsam und ungeliebt, und eines Tages beschließt es, den Bauernhof zu verlassen und in die weite Welt hinauszuziehen.

Auf seiner Reise begegnet das Entlein verschiedenen Tieren, doch keines von ihnen akzeptiert es, und es fühlt sich weiterhin unerwünscht und ungeliebt. Der Winter kommt, und das Entlein kämpft ums Überleben in der kalten und feindlichen Umgebung. Schließlich findet es Zuflucht in einem verlassenen Haus, wo es auf eine liebevolle alte Frau trifft, die es bei sich aufnimmt.

Als der Frühling kommt, spürt das Entlein den Drang, weiterzuziehen. Es gelangt an einen Teich, wo es eine Gruppe prächtiger Schwäne sieht. Das Entlein bewundert ihre Schönheit und nähert sich ihnen, erwartet aber, dass es auch von ihnen abgelehnt wird. Zu seiner Überraschung lassen die Schwäne es jedoch in ihre Gemeinschaft und zeigen ihm sein Spiegelbild im Wasser. Da erkennt das Entlein, dass es sich über den Winter in einen schönen Schwan verwandelt hat. Schließlich wird das einst hässliche Entlein von den Schwänen und den anderen Tieren, die es einst verspotteten, akzeptiert und bewundert. Die Geschichte endet mit der Botschaft, dass wahre Schönheit und Wert im Inneren liegen und nicht immer sofort erkennbar sind, und dass es wichtig ist, sich selbst und andere für das zu akzeptieren und zu lieben, was sie sind.

Informationen für wissenschaftliche Analysen


Kennzahl
Wert
ÜbersetzungenDE, EN, EL, DA, ES, FR, IT, NL
Lesbarkeitsindex nach Amstad83.6
Lesbarkeitsindex nach Björnsson28.4
Flesch-Reading-Ease Index72.3
Flesch–Kincaid Grade-Level6
Gunning Fog Index6.7
Coleman–Liau Index11.2
SMOG Index8.4
Automated Readability Index5.8
Zeichen-Anzahl20.513
Anzahl der Buchstaben16.015
Anzahl der Sätze308
Wortanzahl3.493
Durchschnittliche Wörter pro Satz11,34
Wörter mit mehr als 6 Buchstaben597
Prozentualer Anteil von langen Wörtern17.1%
Silben gesamt5.081
Durchschnittliche Silben pro Wort1,45
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Prozentualer Anteil von Wörtern mit drei Silben7%
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