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Hänsel und Gretel
Hänsel und Gretel Märchen

Hänsel und Gretel - Märchen der Gebrüder Grimm

Vorlesezeit für Kinder: 21 min

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: „Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da wir für uns selbst nichts mehr haben?“ – „Weißt du was, Mann,“ antwortete die Frau, „wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“ – „Nein, Frau“, sagte der Mann, „das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.“ – „Oh, du Narr“, sagte sie, „dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln“, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. „Aber die armen Kinder dauern mich doch“, sagte der Mann.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: „Nun ist’s um uns geschehen.“ – „Still, Gretel“, sprach Hänsel, „gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.“ Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: „Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlafe nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen“, und legte sich wieder in sein Bett.

Hänsel und Gretel Märchen Gebürder GrimmBild: Otto Kubel (1868 – 1951)

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: „Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.“ Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: „Da habt ihr etwas für den Mittag, aber esst’s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.“ Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: „Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab Acht und vergiss deine Beine nicht!“ – „Ach, Vater“, sagte Hänsel, „ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.“ Die Frau sprach: „Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.“ Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: „Nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.“ Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: „Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.“

Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wär“ in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: „Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen?“ Hänsel aber tröstete sie: „Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, dass es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: „Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht wiederkommen.“ Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, dass er sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: „Alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.“ Dem Mann fiel’s schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, dass du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest. Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muss B sagen, und weil er das erste Mal nachgegeben hatte, so musste er es auch zum zweiten Mal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mitangehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und die Kieselsteine auflesen, wie das vorige Mal; aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: „Weine nicht, Gretel, und schlafe nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.“

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorige Mal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. „Hänsel, was stehst du und guckst dich um?“ sagte der Vater, „geh deiner Wege!“ – „Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen“, antwortete Hänsel. „Narr“, sagte die Frau, „das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.“ Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder GrimmBild: Otto Kubel (1868 – 1951)

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte: „Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.“ Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: „Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.“ Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: „Wir werden den Weg schon finden.“ Aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, dass die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

Hänsel und Gretel MärchenBild: Paul Hey (1867 – 1952)

Nun war’s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, mussten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.

Hänsel und Gretel Märchen Gebürder GrimmBild: Paul Hey (1867 – 1952)

„Da wollen wir uns dranmachen“, sprach Hänsel, „und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.“ Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

„Knupper, knupper, Kneischen,
Wer knuppert an meinem Häuschen?“

Die Kinder antworteten:

„Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind,“

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riss sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder GrimmBild: Otto Kubel (1868 – 1951)

Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: „Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“ Sie fasste beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: „Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!“ Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: „Das wird ein guter Bissen werden.“ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: „Steh auf, Faulenzerin, trage Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.“ Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie musste tun, was die böse Hexe verlangte.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder GrimmBild: Otto Kubel (1868 – 1951)

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: „Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.“ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. „Heda, Gretel“, rief sie dem Mädchen zu, „sei flink und trage Wasser! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.“ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen musste, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! „Lieber Gott, hilf uns doch“, rief sie aus, „hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!“ – „Spar nur dein Geplärre“, sagte die Alte, „es hilft dir alles nichts.“

Frühmorgens musste Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. „Erst wollen wir backen“, sagte die Alte, „ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.“ Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen „Krieche hinein“, sagte die Hexe, „und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.“ Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie’s aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: „Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?“ – „Dumme Gans“, sagte die Alte, „die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,“ krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauslich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder GrimmBild: Otto Kubel (1868 – 1951)

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: „Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.“ Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküsst! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. „Die sind noch besser als Kieselsteine“, sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte. Und Gretel sagte:“ Ich will auch etwas mit nach Haus bringen“, und füllte sein Schürzchen voll. „Aber jetzt wollen wir fort“, sagte Hänsel, „damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.“ Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. „Wir können nicht hinüber“, sprach Hänsel, „ich sehe keinen Steg und keine Brücke.“ – „Hier fährt auch kein Schiffchen“, antwortete Gretel, „aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.“

Da rief sie:

„Entchen, Entchen,
Da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
Nimm uns auf deinen weißen Rücken.“

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. „Nein“, antwortete Gretel, „es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen.“ Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder GrimmBild: Otto Kubel (1868 – 1951)

Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der anderen aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.

Lesen Sie ein Kurz-Märchen (5 min)

Hintergründe zum Märchen „Hänsel und Gretel“

„Hänsel und Gretel“ ist ein deutsches Märchen, das von den Brüdern Grimm gesammelt und 1812 in Kinder – und Hausmärchen (KHM 15) veröffentlicht wurde. Jacob und Wilhelm Grimm hörten „Hänsel & Gretel“ von Wilhelms Freundin (und zukünftiger Ehefrau) Dortchen Wild. Hänsel und Gretel, älterer Bruder und jüngere Schwester, sind kleine Kinder, die im Wald ausgesetzt und verloren gehen, wo sie einer kannibalistischen Hexe in die Hände fallen, die in einem Haus lebt, das aus Lebkuchen, Kuchen, Konfekt, Süßigkeiten und vielen anderen Leckereien und Gebäck besteht. Die Hexe beabsichtigt, die Kinder zu mästen, bevor sie sie schließlich essen will. Das Mädchen aber überlistet die Hexe und tötet sie. Die beiden Kinder entkommen dann mit dem Leben und kehren mit einem Schatz nach Hause zurück.

Hänsel und Gretel

„Hänsel und Gretel“ ist eine Erzählung von Aarne-Thompson-Uther Typ 327A. Sie enthält auch eine Episode vom Typ 1121 bzgl. Verbrennung der Hexe in ihrem eigenen Ofen. Die Erzählung wurde für verschiedene Medien adaptiert, insbesondere für die 1893 stattfindende Oper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck. Die Bedeutung der Erzählung in der europäischen mündlichen und literarischen Tradition kann durch das Thema des Verlassens von Kindern erklärt werden kann. Aufgrund von Hungersnöten und mangelnder Geburtenkontrolle war es im mittelalterlichen Europa üblich, ungewollte Kinder vor Kirchen oder im Wald auszusetzen. Der Tod einer Mutter während der Geburt führte manchmal zu Spannungen nach der Wiederverheiratung, was bei der Entstehung des Motivs der feindlichen Stiefmutter eine Rolle gespielt haben könnte.

Hänsel und Gretel Märchen

In der ersten Grimm-Erzählung sind der Holzfäller und seine Frau die leiblichen Eltern der Kinder und teilen sich die Schuld. In späteren Ausgaben wurden einige leichte Korrekturen vorgenommen: Die Frau ist die Stiefmutter der Kinder, der Holzfäller wendet sich gegen das Vorhaben seiner Frau, die Kinder zu verlassen, und es werden religiöse Bezüge hergestellt. Die Sequenz, in der der Schwan ihnen über den Fluss hilft, ist ebenfalls eine Ergänzung in späteren Ausgaben. Der Psychologe Bruno Bettelheim argumentiert, dass das Hauptmotiv die Abhängigkeit, die orale Gier und die destruktiven Begierden sind, die Kinder lernen müssen, zu überwinden, nachdem sie „von ihren oralen Fixierungen gereinigt“ zu Hause ankommen.

Hänsel und Gretel Märchen

Das Märchen mag seinen Ursprung in der mittelalterlichen Periode der Großen Hungersnot (1315-1321) haben, die verzweifelte Menschen dazu veranlasste, kleine Kinder im Stich zu lassen, um für sich selbst zu sorgen.

Herkunft und Quellen von „Hänsel und Gretel“

Obwohl Jacob und Wilhelm Grimm „verschiedene Erzählungen aus Hessen“, also aus der Region, in der sie lebten, als ihre Quelle anführten, sind Wissenschaftler der Meinung, dass die Brüder die Geschichte 1809 von der Familie von Wilhelms Freundin und zukünftiger Ehefrau, Dortchen Wild, und teilweise aus anderen Quellen gehört haben. Eine handschriftliche Notiz im persönlichen Exemplar der Erstausgabe der Grimms verrät, dass Wild zur Geschichte beitrug.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder Grimm

Dem Folkloristen Jack Zipes zufolge entstand die Geschichte im Spätmittelalter zwischen 1250 und 1500. Später erschienen enge schriftliche Varianten wie Martin Montanus‘ Gartengesellschaft aus dem Jahr 1590. Christine Goldberg argumentiert, dass die Episode der mit Steinen und Krümeln markierten Wege, sich auch in den französischen Geschichten „Finette Cendron“ und „Hop-o‘-My-Thumb“ aus dem Jahr 1697 wiederfindet. Ein Haus aus Konfekt findet sich auch in einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert über das Land von Cockayne.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder GrimmBild: Paul Hey (1867 – 1952)

Vom Vorveröffentlichungsmanuskript „Das Brüderchen und das Schwesterchen“ von 1810 bis zur sechsten Ausgabe von Kinder- und Hausmärchen im Jahr 1850 haben die Brüder Grimm mehrere Änderungen an der Geschichte vorgenommen, die nach und nach an Länge, psychologischer Motivation und Bildsprache gewann, aber auch einen christlicheren Ton annahm. In der Originalausgabe des Märchens ist die Frau des Holzfällers die leibliche Mutter der Kinder, aber ab der 4. Ausgabe (1840) wird sie auch „Stiefmutter“ genannt. Die Brüder Grimm führten zwar das Wort „Stiefmutter“ ein, behielten aber an einigen Stellen das Wort „Mutter“ bei. Selbst in ihrer endgültigen Fassung in der 7. Auflage (1857) bleibt ihre Rolle unklar, denn darin wird die Frau des Holzfällers zweimal als „die Mutter“ und einmal als „die Stiefmutter“ bezeichnet.

Hänsel und Gretel Märchen Gebürder Grimm

Die Sequenz, in der die Ente ihnen über den Fluss hilft, ist ebenfalls eine spätere Ergänzung. Eine weitere Überarbeitung bestand darin, dass einige Versionen behaupteten, die Mutter sei aus unbekannter Ursache gestorben, habe die Familie verlassen oder sei am Ende der Geschichte beim Ehemann geblieben. Im Vorveröffentlichungsmanuskript von 1810 wurden die Kinder „Kleiner Bruder“ und „Kleine Schwester“ genannt und in der ersten Ausgabe (1812) schließlich Hänsel und Gretel. Wilhelm Grimm verfälschte den Text auch mit elsässischen Dialekten, die aus August Ströbers elsässischer Fassung (1842) stammen, um der Erzählung einen „volkstümlicheren“ Ton zu geben.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder Grimm

Die Geschichte hat Ähnlichkeiten mit der ersten Hälfte von Charles Perraults „Hop-o‘-My-Thumb“ (1697) und Madame d’Aulnoys „Finette Cendron“ (1721). In beiden Erzählungen, finden verlassene Kinder den Weg nach Hause, indem sie einer Spur folgen. Der Sprachwissenschaftler und Folklorist Edward Vajda hat vorgeschlagen, dass die Geschichten die Überbleibsel einer Erzählung über das Erwachsenwerden in der proto-indogermanischen Gesellschaft darstellen. In einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert über das Land von Cockayne wird ein Haus aus Süßwaren beschrieben.

Handlung und Zusammenfassung des Märchen

Hänsel und Gretel sind die kleinen Kinder eines armen Holzfällers. Als eine große Hungersnot über das Land hereinbricht, beschließt die zweite, Frau des Holzfällers, die Kinder mit in den Wald zu nehmen und sie dort allein zu lassen, damit sie und ihr Mann nicht verhungern, weil die Kinder zu viel essen. Der Holzfäller widersetzt sich dem Plan, unterwirft sich aber schließlich und widerwillig dem Plan seiner Frau. Sie sind sich nicht bewusst, dass Hänsel und Gretel sie im Kinderzimmer belauscht haben. Nachdem die Eltern zu Bett gegangen sind, schleicht sich Hänsel aus dem Haus und sammelt so viele weiße Kieselsteine wie möglich, kehrt dann in sein Zimmer zurück und versichert Gretel, dass Gott sie nicht im Stich lassen wird.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder Grimm

Am nächsten Tag geht die Familie tief in den Wald hinein, und Hänsel legt eine Spur aus weißen Kieselsteinen. Nachdem ihre Eltern sie verlassen haben, warten die Kinder auf den Mondaufgang, und dann folgen sie den Kieselsteinen nach Hause. Sie kehren sicher nach Hause zurück, sehr zum Zorn ihrer Stiefmutter. Wieder einmal werden die Vorräte knapp, und die Stiefmutter befiehlt ihrem Mann wütend, die Kinder weiter in den Wald zu bringen und sie dort zum Sterben zurückzulassen. Hänsel und Gretel versuchen, noch mehr Kieselsteine zu sammeln, aber die Türen sind verschlossen.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder Grimm

Am nächsten Morgen wandert die Familie in den Wald. Hänsel nimmt eine Scheibe Brot und hinterlässt eine Spur aus Brotkrumen, der sie nach Hause folgen können. Nachdem sie jedoch wieder einmal ausgesetzt werden, stellen sie fest, dass die Vögel die Krümel gefressen haben und sie sich im Wald verirrt haben. Nach tagelanger Wanderung folgen sie einem schönen weißen Vogel auf eine Waldlichtung und entdecken eine große Hütte, die aus Lebkuchen, Kuchen, Süßigkeiten und mit Fensterscheiben aus klarem Zucker gebaut ist. Hungrig und müde beginnen die Kinder auf dem Dach des Hauses zu essen, als sich die Tür öffnet und eine „sehr alte Frau“ auftaucht und die Kinder mit dem Versprechen weicher Betten und köstlichen Essens ins Haus lockt. Sie tun dies, ohne zu wissen, dass ihre Gastgeberin eine blutrünstige Hexe ist, die den Kindern auflauert, um sie zu kochen und zu essen.

Hänsel und Gretel

Am nächsten Morgen sperrt die Hexe Hänsel in einen Eisenkäfig im Garten ein. Die Hexe füttert Hänsel regelmäßig, um ihn zu mästen, aber Hänsel bietet geschickt einen Knochen an, den er im Käfig vermutlich aus einer früheren Gefangenschaft der Hexe, gefunden hat. Die Hexe fühlt ihn und denkt, es sei sein Finger. Aufgrund ihrer Blindheit glaubt sie, dass Hänsel immer noch zu dünn ist, um ihn zu essen. Nach Wochen wird die Hexe ungeduldig und beschließt, Hänsel zu essen, „sei er fett oder mager“. Sie bereitet den Ofen für Hänsel vor, entscheidet aber, dass sie hungrig genug ist, um auch Gretel zu essen. Sie lockt Gretel in den offenen Ofen und stößt sie an, sich davor zu beugen, um zu sehen, ob das Feuer heiß genug ist. Gretel, die die Absicht der Hexe erkennt, tut so, als ob sie nicht versteht, was sie meint. Wütend demonstriert die Hexe des Prozess, und Gretel stößt die Hexe sofort in den Ofen, knallt die Tür zu und verriegelt sie, so dass „Die gottlose Hexe zu Asche verbrannt wird“. Gretel befreit Hänsel aus dem Käfig, und beide entdecken eine Vase voller Schätze und Edelsteine. Die Kinder stecken die Juwelen in ihre Kleidung und machen sich auf den Weg nach Hause.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder Grimm

Ein Schwan befördert sie über eine Wasserfläche, und zu Hause finden sie nur ihren Vater; seine Frau starb aus unbekannter Ursache. Der Vater hatte den ganzen Tag lang den Verlust seiner Kinder beklagt und freut sich, sie wohlbehalten wiederzusehen. Mit dem Reichtum der Hexe leben sie alle glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Klassifizierung und Versionen von „Hänsel und Gretel“

„Hänsel und Gretel“ ist der Prototyp für die Märchen vom Typ Aarne-Thompson-Uther (ATU) 327A. Insbesondere Gretels Vortäuschung, nicht zu verstehen, wie man den Ofen testet, ist charakteristisch für 327A, obwohl es traditionell auch in anderen Untertypen von ATU 327 vorkommt. Wie Stith Thompson argumentiert, kann die Einfachheit des Märchens seine Verbreitung in verschiedenen Traditionen auf der ganzen Welt erklären.

Hänsel und Gretel Märchen Gebrüder Grimm

Eine sehr ähnliche Version ist „Finette Cendron“, die 1697 von Marie-Catherine d’Aulnoy veröffentlicht wurde und einen verarmten König und eine verarmte Königin zeigt, die ihre drei Töchter absichtlich dreimal in der Wildnis verlieren. Dem klügsten der Mädchen, Finette, gelingt es zunächst, sie mit einer Spur aus Faden, dann einer Spur aus Asche nach Hause zu bringen, aber ihre Erbsen werden während der dritten Reise von Tauben gefressen. Die kleinen Mädchen gehen dann zum Haus einer Hexe, die mit ihrem Mann, dem Unhold, zusammenlebt. Finette heizt den Ofen und bittet den Oger, ihn mit seiner Zunge zu testen, so dass er hineinfällt und verbrannt wird. Danach schneidet Finette der Hexe den Kopf ab. Die Schwestern bleiben im Haus des Ogers, und der Rest der Erzählung erzählt die Geschichte von „Aschenputtel“.

Hänsel und Gretel Märchen

Die Tatsache, dass die Mutter oder Stiefmutter stirbt, als die Kinder die Hexe getötet haben, legt nahe, dass Stiefmutter und Hexe metaphorisch dieselbe Frau sind. Im russischen „Wassilissa die Schöne“ schickt die Stiefmutter ebenfalls ihre verhasste Stieftochter in den Wald, um sich von ihrer Schwester, die sich als Hexe Baba Yaga entpuppt, ein Licht zu borgen. Die Mutter oder Stiefmutter will dem Hunger entgehen, während die Hexe die Kinder anlockt, ihr Haus mit Süßigkeiten zu essen, damit sie diese dann essen kann. Ein weiteres Märchen dieser Art ist das französische Märchen „Die verlorenen Kinder“. Die Brüder Grimm identifizierten auch die französische Finette Cendron und Hop o‘ My Thumb als Parallelgeschichten. Neben der Hervorhebung der Gefährdung von Kindern sowie ihrer eigenen Cleverness, haben die Erzählungen gemeinsam, dass sie sich mit dem Essen und dem Verletzen von Kindern beschäftigen. Weitere Volksmärchen vom Typ ATU 327A sind die französische Geschichte „Verlorene Kinder“, 1887 von Antoinette Bon herausgegeben, oder die mährische „Alte Grule“, 1899 von Maria Kosch herausgegeben.

Hänsel und Gretel Märchen Gebürder GrimmBild: Paul Hey (1867 – 1952)

Die erste Episode, in der Kinder dargestellt werden, die von ihren lieblosen Eltern absichtlich im Wald ausgesetzt werden, lässt sich mit vielen früheren Geschichten vergleichen: Montanus‘ „Die kleine Erdkuh“ aus 1557, Basils „Ninnillo und Nennella“ aus dem Jahr 1635, Madame d’Aulnoys „Finette Cendron“ aus 1697 oder Perraults „Hop-o‘-My-Thumb“ aus dem Jahr 1697. Das Motiv der Spur, die die Protagonisten nicht nach Hause zurückführt, ist auch in „Ninnillo und Nennella“, „Finette Cendron“ und „Hop-o‘-My-Thumb“ zu finden, und die Brüder Grimm identifizierten letztere als eine Parallelgeschichte.

Informationen für wissenschaftliche Analysen


Statistiken zum Märchen
Wert
NummerKHM 15
Aarne-Thompson-Uther-IndexATU Typ 327A
Übersetzungen english
Lesbarkeitsindex nach Amstad75.7
Lesbarkeitsindex nach Björnsson35.1
Flesch-Reading-Ease Index64.2
Flesch–Kincaid Grade-Level9
Gunning Fog Index9.5
Coleman–Liau Index11.7
SMOG Index9.5
Automated Readability Index10.2
Zeichen-Anzahl15.844
Anzahl der Buchstaben12.438
Anzahl der Sätze139
Wortanzahl2.658
Durchschnittliche Wörter pro Satz19,12
Wörter mit mehr als 6 Buchstaben425
Prozentualer Anteil von langen Wörtern16%
Silben gesamt3.870
Durchschnittliche Silben pro Wort1,46
Wörter mit drei Silben168
Prozentualer Anteil von Wörtern mit drei Silben6.3%

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