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Der Rattenfänger von Hameln
Der Rattenfänger von Hameln Märchen

Der Rattenfänger von Hameln - Märchen der Gebrüder Grimm

Vorlesezeit für Kinder: 6 min

Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalb er Bundting soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien.

Rattenfänger von Hameln Sage Gebrüder GrimmBild: Oskar Herrfurth (1862-1934)

Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff, da kamen also bald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum.

Rattenfänger von Hameln Sage Gebrüder GrimmBild: Oskar Herrfurth (1862-1934)

Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Tiere folgten und hineinstürzend ertranken.

Rattenfänger von Hameln Sage Gebrüder GrimmBild: Oskar Herrfurth (1862-1934)

Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so dass er zornig und erbittert wegging.

 - Bild: Oskar Herrfurth (1862-1934)

Am 26. Juni auf Johannis- und Paulitag, morgens früh sieben Uhr, nach andren zu Mittag, erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers, erschrecklichen Angesichts, mit einem roten, wunderlichen Hut, und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.

Rattenfänger von Hameln Sage Gebrüder GrimmBild: Oskar Herrfurth (1862-1934)

Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern liefen haufenweise vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, zu erkundigen, ob man die Kinder oder auch nur etliche gesehen, aber alles vergeblich. Es waren im Ganzen hundertdreißig verloren. Zwei sollen, wie einige sagen, sich verspätet und zurückgekommen sein, wovon aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also dass das blinde den Ort nicht hat zeigen können, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann gefolgt wären; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock zu holen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam, waren die anderen schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt wird, verschwunden.

Rattenfänger von Hameln Sage Gebrüder GrimmBild: Oskar Herrfurth (1862-1934)

Die Straße, wodurch die Kinder zum Tor hinausgegangen, hieß noch in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts die bungelose (trommellose), weil kein Tanz darin geschehen noch Saitenspiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche gebracht ward, mussten die Spielleute über die Gasse hin stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg (der auch Koppenberg genannt wurde), wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind aufgerichtet worden. Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen.

Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch einzeichnen lassen und pflegten in ihren Ausschreiben nach dem Verlust ihrer Kinder Jahr und Tag zu zahlen. Nach Seyfried ist der 22ste statt des 26sten Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rathaus standen folgende Zeilen:

Im Jahr 1284 na Christi gebort
tho Hamel worden uthgevort
hundert und dreißig Kinder dasülvest geborn
dorch einen Piper under den Köppen verlorn.

Und an der neuen Pforte:

Centum ter denos cum magus ab urbe puellos
duxerat ante annos CCLXXII condita porta fuit.
Im Jahr 1572 ließ der Burgermeister die Geschichte in den Kirchenfenstern abbilden, mit der nötigen Überschrift, welche größtenteils unleserlich geworden ist. Auch ist eine Münze darauf geprägt.

Lesen Sie ein Kurz-Märchen (5 min)

Hintergründe zur Sage „Der Rattenfänger von Hameln“

Der Rattenfänger von Hameln ist die Titelfigur einer Sage aus der niedersächsischen Stadt Hameln. Die Legende stammt aus dem Mittelalter, die frühesten Erwähnungen beschreiben einen Musiker in mehrfarbiger Kleidung, der ein Rattenfänger war, der von der Stadt angeheuert wurde, um Ratten mit seiner Zauberflöte wegzulocken. Als die Bürger sich weigern, wie versprochen für diesen Dienst zu bezahlen, rächt er sich, indem er die magische Kraft seines Instruments auf ihre Kinder anwendet und diese wegführt. Diese Version der Geschichte verbreitete sich als Folklore und tauchte unter anderem in den Schriften von Johann Wolfgang von Goethe, den Gebrüdern Grimm und Robert Browning auf.

Es gibt viele widersprüchliche Theorien über den Rattenfänger. Einige deuten darauf hin, dass er für die von der Pest befallene Bevölkerung Hamelns ein Symbol der Hoffnung war; er vertrieb die Ratten aus Hameln und rettete die Menschen vor der Seuche. Die früheste bekannte Aufzeichnung dieser Geschichte stammt aus der Stadt Hameln selbst, dargestellt in einem für die Hamelner Kirche geschaffenen Glasfenster, das aus der Zeit um 1300 stammt. Obwohl die Kirche 1660 zerstört wurde, sind mehrere schriftliche Berichte über die Geschichte erhalten geblieben.

Rattenfänger von Hameln märchen

1284, als die Stadt Hameln unter einem Rattenbefall litt, tauchte ein Musiker in mehrfarbiger Kleidung auf, der behauptete, ein Rattenfänger zu sein. Er versprach dem Bürgermeister eine Lösung für ihr Rattenproblem. Der Bürgermeister wiederum versprach, ihn für die Beseitigung der Ratten zu bezahlen (nach einigen Versionen der Geschichte betrug die versprochene Summe 1.000 Gulden). Der Pfeifer nahm an und spielte auf seiner Flöte, um die Ratten in die Weser zu locken, wo sie alle ertranken.

Trotz des Erfolgs brach der Bürgermeister sein Versprechen und weigerte sich, ihm die volle Summe (angeblich auf 50 Gulden reduziert) zu zahlen, wobei er sogar so weit ging, dem Rattenfänger vorzuwerfen, die Ratten mitgebracht zu haben. Wütend stürmte der Rattenfänger aus der Stadt und versprach, später zurückzukehren, um Rache zu nehmen. Am Johannis- und Paulustag, als die Erwachsenen in der Kirche waren, kehrte der Rattenfänger in grün gekleidet zurück und spielte seine Flöte. Auf diese Weise zog er die Kinder der Stadt an. Einhundertdreißig Kinder folgten ihm aus der Stadt in eine Höhle und wurden nie wieder gesehen. Je nach Version blieben höchstens drei Kinder zurück: eines war lahm und konnte nicht schnell genug folgen, das zweite war taub und konnte daher die Musik nicht hören, und das letzte war blind und konnte daher nicht sehen, wohin es ging. Diese drei informierten die Dorfbewohner über das, was geschehen war, als sie aus der Kirche herauskamen.

Andere Versionen berichten, dass der Rattenfänger die Kinder auf den Gipfel des Koppelbergs führte, wo er sie in ein wunderschönes Land oder an einen Ort namens Koppenberg oder Siebenbürgen brachte. In einigen Versionen wurden die Kinder in die Weser geführt, wo sie alle ertranken. Weitere Versionen besagen, dass der Rattenfänger die Kinder nach der Bezahlung zurückgab, bzw. nachdem die Dorfbewohner ein Vielfaches des ursprünglichen Goldbetrages bezahlt hatten.

Die Bungelosenstraße („Straße ohne Trommeln“) soll der letzte Ort gewesen sein, an dem die Kinder gesehen wurden. Seither ist in dieser Straße weder Musik noch Tanzen erlaubt. Die früheste Erwähnung der Geschichte scheint sich auf einem Buntglasfenster in der Hamelner Kirche um 1300 zu befinden. Das Fenster wurde in mehreren Berichten zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert beschrieben. 1660 wurde die Kirche zerstört. Auf der Grundlage der überlieferten Beschreibungen hat der Historiker Hans Dobbertin eine moderne Rekonstruktion des Fensters erstellt. Es zeigt die farbenfrohe Figur des Rattenfängers und mehrere weiß gekleidete Kinder.

Das Fenster wird allgemein als Erinnerung an ein tragisches historisches Ereignis angesehen. Auch die Aufzeichnungen der Stadt Hameln beginnen mit diesem Ereignis. Die früheste schriftliche Aufzeichnung stammt aus den Stadtchroniken in einem Eintrag aus dem Jahr 1384, in dem es heißt: „Es ist 100 Jahre her, dass unsere Kinder fortgegangen sind“. Obwohl seit Jahrhunderten Forschung betrieben wird, wird keine Erklärung für das historische Ereignis allgemein als wahr akzeptiert. Jedenfalls wurden die Ratten erstmals in einer Version aus der Zeit um 1559 in die Geschichte aufgenommen und fehlen in früheren Berichten.

Theorien, Erklärungen und natürliche Ursachen

Eine Reihe von Theorien legen nahe, dass Kinder an natürlichen Ursachen wie Krankheit oder Verhungern starben und dass der Rattenfänger eine symbolische Figur des Todes war. Zu den analogen Themen, die mit dieser Theorie verbunden sind, gehören der Totentanz oder der Danse Macabre, ein üblicher mittelalterlicher Tropus. Einige der Szenarien, die als passend zu dieser Theorie vorgeschlagen wurden, beinhalten, dass die Kinder in der Weser ertrunken sind, bei einem Erdrutsch getötet wurden oder sich während einer Epidemie eine Krankheit zugezogen haben. Eine andere moderne Interpretation liest die Geschichte als Anspielung auf ein Ereignis, bei dem Hamelner Kinder von einer heidnischen oder ketzerischen Sekte in Wälder in der Nähe von den geheimnisvollen Koppenhügeln zum rituellen Tanz weggelockt wurden, wo sie alle bei einem plötzlichen Erdrutsch oder einem einstürzenden Erdfall umkamen.

Rattenfänger von Hameln

Ein Grund, dass die Ursache für das Verschwinden der Kinder nie dokumentiert wurde, kann darin bestand, dass die Kinder an einen Rekrutierer aus der baltischen Region Osteuropas verkauft wurden, eine Praxis, die zu jener Zeit nicht ungewöhnlich war. In ihrem Aufsatz „Pied Piper Revisited“ stellt Sheila Harty fest, dass Familiennamen aus der besiedelten Region denen aus Hameln ähnlich sind und dass der Verkauf von unehelichen Kindern, Waisen oder anderen Kindern, die die Stadt nicht unterstützen konnte, die wahrscheinlichere Erklärung ist. Sie stellt weiter fest, dass dies der Grund für das Fehlen von Aufzeichnungen über das Ereignis in den Stadtchroniken sein könnte. Wolfgang Mieder stellt in einem Buch fest, dass es historische Dokumente gibt, die belegen, dass Menschen aus dieser Gegend, einschließlich Hameln, bei der Besiedlung von Teilen Siebenbürgens geholfen haben.

In der Version der Legende, die auf der offiziellen Website der Stadt Hameln veröffentlicht wurde, wird ein weiterer Aspekt vorgestellt: Unter den verschiedenen Interpretationen ist der Verweis auf die Kolonisierung Osteuropas ausgehend von Niederdeutschland die plausibelste: Die „Kinder von Hameln“ wären damals auswanderungswillige Bürger gewesen, die von Grundbesitzern angeworben wurden, um sich in Mähren, Ostpreußen, Pommern oder im Deutschen Reich niederzulassen. Die „Legende vom Verschwinden der Kinder“ wurde später mit der „Legende von der Vertreibung der Ratten“ verbunden. Dies bezieht sich historisch auf die Rattenplagen, die in der mittelalterlichen Mühlenstadt eine große Bedrohung darstellten, und auf die mehr oder weniger erfolgreichen professionellen Rattenfänger.

Rattenfänger von Hameln Sage

Die Historikerin Ursula Sautter zitiert die Arbeit des Sprachwissenschaftlers Jürgen Udolph und stützt die Auswanderungstheorie: „Nach der Niederlage der Dänen in der Schlacht von Bornhöved 1227“, erklärt Udolph, „wurde das Gebiet südlich der Ostsee, das damals von Slawen bewohnt war, für die Kolonisierung durch die Deutschen verfügbar“. Die Bischöfe und Herzöge von Pommern, Brandenburg, der Uckermark und der Prignitz entsandten Rekrutierungsoffiziere, die bereit waren, in die neuen Länder zu ziehen. Tausende junger Erwachsener aus Niedersachsen und Westfalen zogen nach Osten. Und als Beweis tauchen in dieser Gegend etwa ein Dutzend westfälische Ortsnamen auf. Tatsächlich gibt es fünf Dörfer namens Hindenburg, die in einer geraden Linie von Westfalen nach Pommern verlaufen, sowie drei östliche Spiegelbergs. Udolph befürwortet die Hypothese, dass die Hamelner Kinder im heutigen Polen gelandet sind.

Der Genealoge Dick Eastman zitierte Udolphs Forschung über Hamelner Nachnamen, die in polnischen Telefonbüchern aufgetaucht sind: „Der Linguistikprofessor Jürgen Udolph sagt, dass 130 Kinder an einem Juni-Tag im Jahr 1284 aus dem deutschen Dorf Hameln verschwunden sind. Udolph trug alle damals bekannten Familiennamen im Dorf ein und begann dann, anderswo nach Übereinstimmungen zu suchen. Er stellte fest, dass die gleichen Familiennamen in den Regionen Prignitz und Uckermark, beide nördlich von Berlin, mit erstaunlicher Häufigkeit vorkommen. Er fand die gleichen Familiennamen auch in der ehemaligen Region Pommern, die heute zu Polen gehört.“

Udolph vermutet, dass es sich bei den Kindern in Wirklichkeit um arbeitslose Jugendliche handelte. Der Rattenfänger mag als solcher nie existiert haben, aber, so der Professor, „es gab Rekrutierungsoffiziere, die bunt gekleidet waren.“

Informationen für wissenschaftliche Analysen


Statistiken zum Märchen
Wert
Lesbarkeitsindex nach Amstad62.3
Lesbarkeitsindex nach Björnsson46.4
Flesch-Reading-Ease Index45.8
Flesch–Kincaid Grade-Level12
Gunning Fog Index12.7
Coleman–Liau Index12
SMOG Index12
Automated Readability Index12
Zeichen-Anzahl4.002
Anzahl der Buchstaben3.207
Anzahl der Sätze29
Wortanzahl617
Durchschnittliche Wörter pro Satz21,28
Wörter mit mehr als 6 Buchstaben155
Prozentualer Anteil von langen Wörtern25.1%
Silben gesamt1.017
Durchschnittliche Silben pro Wort1,65
Wörter mit drei Silben87
Prozentualer Anteil von Wörtern mit drei Silben14.1%

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