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Die Rabe
Grimm Märchen

Die Rabe - Märchen der Gebrüder Grimm

Vorlesezeit für Kinder: 16 min

Es war einmal eine Königin, die hatte ein Töchterchen, das war noch klein und musste noch auf dem Arm getragen werden. Zu einer Zeit war das Kind unartig, und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es hielt nicht Ruhe. Da ward sie ungeduldig, und weil die Raben so um das Schloss herumflogen, öffnete sie das Fenster und sagte: „Ich wollte, du wärst eine Rabe und flogst fort, so hätte ich Ruhe.“ Kaum hatte sie das Wort gesagt, so war das Kind in eine Rabe verwandelt und flog von ihrem Arm zum Fenster hinaus. Sie flog aber in einen dunkeln Wald und blieb lange Zeit darin und die Eltern hörten nichts von ihr. Danach führte einmal einen Mann sein Weg in diesen Wald, der hörte die Rabe rufen und ging der Stimme nach, und als er näher kam, sprach die Rabe: „Ich bin eine Königstochter von Geburt und bin verwünscht worden, du aber kannst mich erlösen.“ – „Was soll ich tun?“ fragte er. Sie sagte: „Geh weiter in den Wald, und du wirst ein Haus finden, darin sitzt eine alte Frau, die wird dir Essen und Trinken reichen, aber du darfst nichts nehmen; wenn du etwas isst oder trinkst, so verfällst du in einen Schlaf und kannst du mich nicht erlösen. Im Garten hinter dem Haus ist ein großer Strohballen, darauf sollst du stehen und mich erwarten.

Drei Tage lang komm ich jeden Mittag um zwei Uhr zu dir in einem Wagen, der ist erst mit vier weißen Hengsten bespannt, dann mit vier roten und zuletzt mit vier schwarzen, wenn du aber nicht wach bist, sondern schläfst, so werde ich nicht erlöst.“ Der Mann versprach alles zu tun, was sie verlangt hatte. Die Rabe aber sagte: „Ach, ich weiß es schon, du wirst mich nicht erlösen, du nimmst etwas von der Frau.“ Da versprach der Mann noch einmal, er wollte gewiss nichts anrühren, weder von dem Essen noch von dem Trinken. Wie er aber in das Haus kam, trat die alte Frau zu ihm und sagte: „Armer Mann, was seid Ihr abgemattet, kommt und erquickt Euch, esset und trinket.“ – „Nein,“ sagte der Mann, „ich will nicht essen und nicht trinken.“

Sie ließ ihm aber keine Ruhe und sprach: „Wenn Ihr dann nicht essen wollt, so tut einen Zug aus dem Glas, einmal ist keinmal.“ Da ließ er sich überreden und trank. Nachmittags gegen zwei Uhr ging er hinaus in den Garten auf den Strohballen und wollte auf die Rabe warten. Wie er da stand, ward er auf einmal so müde, und konnte es nicht überwinden und legte sich ein wenig nieder; doch wollte er nicht einschlafen. Aber kaum hatte er sich hingestreckt, so fielen ihm die Augen von selber zu, und er schlief ein und schlief so fest, dass ihn nichts auf der Welt hätte erwecken können. Um zwei Uhr kam die Rabe mit vier weißen Hengsten gefahren, aber sie war schon in voller Trauer und sprach: „Ich weiß, dass er schläft.“ Und als sie in den Garten kam, lag er auch da auf den Strohballen und schlief. Sie stieg aus dem Wagen, ging zu ihm und schüttelte ihn und rief ihn an, aber er erwachte nicht.

Am anderen Tag zur Mittagszeit kam die alte Frau wieder und brachte ihm Essen und Trinken, aber er wollte es nicht annehmen. Doch sie ließ ihm keine Ruhe und redete ihm so lange zu, bis er wieder einen Zug aus dem Glase tat. Gegen zwei Uhr ging er in den Garten auf den Strohballen und wollte auf die Rabe warten, da empfand er auf einmal so große Müdigkeit, dass seine Glieder ihn nicht mehr hielten; er konnte sich nicht helfen, musste sich legen und fiel in tiefen Schlaf. Als die Rabe daher fuhr mit vier braunen Hengsten, war sie schon in voller Trauer und sagte: „Ich weiß, dass er schläft.“ Sie ging zu ihm hin, aber er lag da im Schlaf und war nicht zu erwecken. Am anderen Tage sagte die alte Frau, was das wäre? Er äße und tränke nichts, ob er sterben wollte? Er antwortete: „Ich will und darf nicht essen und nicht trinken.“ Sie stellte aber die Schüssel mit Essen und das Glas mit Wein vor ihm hin, und als der Geruch davon zu ihm aufstieg, so konnte er nicht widerstehen und tat einen starken Zug.

Als die Zeit kam, ging er hinaus in den Garten auf den Strohballen und wartete auf die Königstochter. da ward er noch müder als die Tage vorher, legte sich nieder und schlief so fest, als wäre er ein Stein. Um zwei Uhr kam die Rabe und hatte vier schwarze Hengste, und die Kutsche und alles war schwarz. Sie war aber schon in voller Trauer und sprach: „Ich weiß, dass er schläft und mich nicht erlösen kann.“ Als sie zu ihm kam, lag er da und schlief fest. Sie rüttelte ihn und rief ihn, aber sie konnte ihn nicht aufwecken. Da legte sie ein Brot neben ihn hin, dann ein Stück Fleisch, zum dritten eine Flasche Wein, und er konnte von allem so viel nehmen, als er wollte, es ward nicht weniger. Danach nahm sie einen goldenen Ring von ihrem Finger, und steckte ihn an seinen Finger, und war ihr Name eingegraben. Zuletzt legte sie einen Brief hin, darin stand, was sie ihm gegeben hatte, und dass es nie all würde, und es stand auch darin: „Ich sehe wohl, dass du mich hier nicht erlösen kannst, willst du mich aber noch erlösen, so komm nach dem goldenen Schloss von Stromberg, es steht in deiner Macht, das weiß ich gewiss.“

Und wie sie ihm das alles gegeben hatte, setzte sie sich in ihren Wagen und fuhr in das goldene Schloss von Stromberg.

Als der Mann aufwachte und sah, dass er geschlafen hatte, ward er von Herzen traurig und sprach: „Gewiss nun ist sie vorbeigefahren, und ich habe sie nicht erlöst.“ Da fielen ihm die Dinge in die Augen, die neben ihm lagen, und er las den Brief, darin geschrieben stand, wie es zugegangen war. Also machte er sich auf und ging fort, und wollte nach dem goldenen Schloss von Stromberg, aber er wusste nicht, wo es lag. Nun war er schon lange in der Welt herumgegangen, da kam er in einen dunkeln Wald und ging vierzehn Tage darin fort und konnte sich nicht herausfinden. Da ward es wieder Abend, und er war so müde, dass er sich an einen Busch legte und einschlief. Am anderen Tag ging er weiter, und abends als er sich wieder an einen Busch legen wollte, hörte er ein Heulen und Jammern, dass er nicht einschlafen konnte. Und wie die Zeit kam, wo die Leute Lichter anstecken, sah er eins schimmern, machte sich auf und ging ihm nach; da kam er vor ein Haus, das schien so klein, denn es stand ein großer Riese davor. Da dachte er bei sich: „Gehst du hinein und der Riese erblickt dich, so ist es leicht um dein Leben geschehen.“

Endlich wagte er es und trat heran. Als der Riese ihn sah, sprach er: „Es ist gut, dass du kommst, ich habe lange nichts gegessen, ich will dich gleich zum Abendbrot verschlucken.“ – „Lass das lieber sein,“ sprach der Mann, „ich lasse mich nicht gerne verschlucken; verlangst du zu essen, so habe ich genug, um dich satt zu machen.“ – „Wenn das wahr ist,“ sagte der Riese, „so kannst du ruhig bleiben; ich wollte dich nur verzehren, weil ich nichts anderes habe.“ Da gingen sie und setzten sich an den Tisch, und der Mann holte Brot, Wein und Fleisch, das nicht all ward. „Das gefällt mir wohl,“ sprach der Riese und aß nach Herzenslust. Danach sprach der Mann zu ihm: „Kannst du mir nicht sagen, wo das goldene Schloss von Stromberg ist?“ Der Riese sagte: „Ich will auf meiner Landkarte nachsehen, darauf sind alle Städte, Dörfer und Häuser zu finden.“ Er holte die Landkarte, die er in der Stube hatte, und suchte das Schloss, aber es stand nicht darauf. „Es tut nichts,“ sprach er, „ich habe oben im Schranke noch größere Landkarten; darauf wollen wir suchen,“ aber es war auch vergeblich.

Der Mann wollte nun weitergehen; aber der Riese bat ihn, noch ein paar Tage zu warten, bis sein Bruder heim käme, der wäre ausgegangen, Lebensmittel zu holen. Als der Bruder heim kam, fragten sie nach dem goldenen Schloss von Stromberg, er antwortete: „Wenn ich gegessen habe und satt bin, dann will ich auf der Karte suchen.“ Er stieg dann mit ihnen auf seine Kammer und sie suchten auf seiner Landkarte, konnten es aber nicht finden; da holte er noch andere alte Karten, und sie ließen nicht ab, bis sie endlich das goldene Schloss von Stromberg fanden, aber es war viele tausend Meilen weit weg. „Wie werde ich nun dahin kommen?“ fragte der Mann. Der Riese sprach: „Zwei Stunden hab ich Zeit, da will ich dich bis in die Nähe tragen, dann aber muss ich wieder nach Haus und das Kind säugen, das wir haben.“ Da trug der Riese den Mann bis etwa hundert Stunden vom Schloss und sagte: „Den übrigen Weg kannst du wohl allein gehen.“ Dann kehrte er um, der Mann aber ging vorwärts Tag und Nacht, bis er endlich zu dem goldenen Schloss von Stromberg kam. Es stand aber auf einem gläsernen Berge, und die verwünschte Jungfrau fuhr in ihrem Wagen um das Schloss herum und ging dann hinein. Er freute sich, als er sie erblickte, und wollte zu ihr hinaufsteigen, aber wie er es auch anfing, er rutschte an dem Glas immer wieder herunter. Und als er sah, dass er sie nicht erreichen konnte, ward er ganz betrübt und sprach zu sich selbst: „Ich will hier unten bleiben und auf sie warten.“ Also baute er sich eine Hütte und saß darin ein ganzes Jahr und sah die Königstochter alle Tage oben fahren, konnte aber nicht zu ihr hinaufkommen.

Da sah er einmal aus seiner Hütte, wie drei Räuber sich schlugen, und rief ihnen zu: „Gott sei mit euch!“ Sie hielten bei dem Rufe inne, als sie aber niemand sahen, fingen sie wieder an sich zu schlagen, und das zwar ganz gefährlich. Da rief er abermals: „Gott sei mit euch!“ Sie hörten wieder auf, guckten sich um, weil sie aber niemand sahen, fuhren sie auch wieder fort sich zu schlagen. Da rief er zum dritten Mal: „Gott sei mit euch!“ und dachte „du musst sehen, was die drei vorhaben,“ ging hin und fragte, warum sie aufeinander losschlügen. Da sagte der eine, er hätte einen Stock gefunden, wenn er damit gegen eine Tür schlüge, so spränge sie auf; der andere sagte, er hätte einen Mantel gefunden, wenn er den umhinge, so wäre er unsichtbar; der dritte aber sprach, er hätte ein Pferd gefangen, damit könnte man überall hinreiten, auch den gläsernen Berg hinauf. Nun wüssten sie nicht, ob sie das in Gemeinschaft behalten oder ob sie sich trennen sollten.

Da sprach der Mann: „Die drei Sachen will ich euch eintauschen: Geld habe ich zwar nicht, aber andere Dinge, die mehr wert sind, doch muss ich vorher eine Probe machen, damit ich sehe, ob ihr auch die Wahrheit gesagt habt.“ Da ließen sie ihn aufs Pferd sitzen, hingen ihm den Mantel um und gaben ihm den Stock in die Hand, und wie er das alles hatte, konnten sie ihn nicht mehr sehen. Da gab er ihnen tüchtige Schläge und rief: „Nun, ihr Bärenhäuter, da habt ihr, was euch gebührt: seid ihr zufrieden?“ Dann ritt er den Glasberg hinauf, und als er oben vor das Schloss kam, war es verschlossen; da schlug er mit dem Stock an das Tor, und alsbald sprang es auf. Er trat ein und ging die Treppe hinauf bis oben in den Saal, da saß die Jungfrau und hatte einen goldenen Kelch mit Wein vor sich. Sie konnte ihn aber nicht sehen, weil er den Mantel umhatte. Und als er vor sie kam, zog er den Ring, den sie ihm gegeben hatte, vom Finger und warf ihn in den Kelch, dass es klang. Da rief sie: „Das ist mein Ring, so muss auch der Mann da sein, der mich erlösen wird.“ Sie suchten im ganzen Schloss und fanden ihn nicht, er war aber hinausgegangen, hatte sich aufs Pferd gesetzt und den Mantel abgeworfen. Wie sie nun vor das Tor kamen, sahen sie ihn und schrien vor Freude. Da stieg er ab und nahm die Königstochter in den Arm; sie aber küsste ihn und sagte: „Jetzt hast du mich erlöst, und morgen wollen wir unsere Hochzeit feiern.“

Lesen Sie ein Kurz-Märchen (5 min)

Hintergründe zum Märchen „Die Rabe“

„Die Rabe“ ist ein Märchen, das von den Brüdern Grimm mit der Nummer 93 in ihren Sammlungen aufgenommen wurde. Es ist Aarne-Thompson Typ 401, ein in ein Tier verwandeltes Mädchen.

Handlung und Zusammenfassung des Märchen

Eine Königin wünschte sich, ihre ungezogene Tochter würde sich in einen Raben verwandeln und wegfliegen, damit sie etwas Frieden haben könnte, und ihr Wunsch ging sofort in Erfüllung. Sie flog weg in einen Wald.

Im Wald hörte ein Mann einen Raben sagen, sie sei eine verzauberte Prinzessin, und er könne sie befreien, wenn er zu einer bestimmten Hütte gehe und von der alten Frau dort kein Essen annähme. Der Rabe fuhr drei Tage lang jeden Tag in einer Kutsche vorbei. Wenn er wach blieb, würde er den Zauber brechen. Jeden Tag überredete ihn die alte Frau, nur einen Schluck zu trinken, und jeden Tag schlief er, von Müdigkeit übermannt, fest ein, als der Rabe vorbeifuhr. Am letzten Tag ließ der Rabe dem schlafenden Mann eine Flasche Wein, einen Laib und ein Stück Fleisch zurück, die alle drei unerschöpflich waren, und steckte ihm einen goldenen Ring mit ihrem Namen an den Finger. Sie gab ihm auch einen Brief, in dem sie ihm mitteilte, dass es eine andere Möglichkeit gäbe, sie zu befreien: indem er zur goldenen Burg Stromberg käme.

Der Mann wanderte auf der Suche nach der Burg umher und fand einen Riesen, der drohte, ihn zu fressen, aber der Mann fütterte ihn mit seinen magischen Vorräten. Dann holte der Riese seine Karte heraus, auf der alle Städte, Dörfer und Häuser im Land eingezeichnet waren – aber nicht die Burg. Er bat den Mann, zu warten, bis sein Bruder nach Hause kam. Der Bruder war in der Lage, das Schloss auf einer älteren Karte zu finden, aber es war Tausende von Meilen entfernt. Der Bruder willigte ein, den Mann bis auf hundert Meilen an die Burg heran zu tragen, und der Mann geht den Rest zu Fuß.

Als der Mann sich dem Glasberg näherte, auf dem das goldene Schloss stand, konnte er sehen, wie die verzauberte Prinzessin mit ihrer Kutsche um das Schloss fuhr und hinein ging. Aber der gläserne Berg war zu rutschig, als dass er ihn besteigen konnte, und er lebte ein Jahr lang in einer Hütte am Fuße des Berges. Eines Tages begegnete er drei Räubern, die um drei magische Gegenstände kämpften: einen Stock, der Türen öffnete, einen Unsichtbarkeitsmantel und ein Pferd, das auf den Glasberg reiten konnte. Der Mann bot ihnen eine geheimnisvolle Belohnung im Austausch gegen die Gegenstände an, aber er bestand darauf, sie zuerst auszuprobieren, um zu sehen, ob sie wie versprochen funktionierten. Nachdem er auf das Pferd gestiegen war, den Stock genommen hatte und durch den Umhang unsichtbar gemacht wurde, schlug er die Räuber mit seinem Stock und ritt den Glasberg hinauf. Er benutzte Stock und Mantel, um in das Schloss zu gelangen, und warf seinen Ring in den Pokal der Prinzessin. Sie konnte ihren Retter nicht finden, obwohl sie das ganze Schloss durchsuchte, bis er sich schließlich durch das Abwerfen des Mantels offenbarte. Sie waren verheiratet.

Informationen für wissenschaftliche Analysen


Statistiken zum Märchen
Wert
NummerKHM 93
Aarne-Thompson-Uther-IndexATU Typ 401
Übersetzungen english
Lesbarkeitsindex nach Amstad77.5
Lesbarkeitsindex nach Björnsson35.5
Flesch-Reading-Ease Index68.3
Flesch–Kincaid Grade-Level9.3
Gunning Fog Index10.8
Coleman–Liau Index9.8
SMOG Index9.7
Automated Readability Index10.3
Zeichen-Anzahl11.534
Anzahl der Buchstaben8.999
Anzahl der Sätze92
Wortanzahl2.071
Durchschnittliche Wörter pro Satz22,51
Wörter mit mehr als 6 Buchstaben269
Prozentualer Anteil von langen Wörtern13%
Silben gesamt2.831
Durchschnittliche Silben pro Wort1,37
Wörter mit drei Silben117
Prozentualer Anteil von Wörtern mit drei Silben5.6%

Bildquellen: © Andrea Danti / Shutterstock

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