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Der Zaunkönig
Grimm Märchen

Der Zaunkönig - Märchen der Gebrüder Grimm

Vorlesezeit für Kinder: 9 min

In den alten Zeiten, da hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. Wenn der Hammer des Schmieds ertönte, so rief er: „Smiet mi to! Smiet mi to!“ Wenn der Hobel des Tischlers schnarrte, so sprach er: „Dor häst! Dor, dor häst!“ Fing das Räderwerk der Mühle an zu klappern, so sprach es: „Help, Herr Gott! Help, Herr Gott!,“ und war der Müller ein Betrüger und ließ die Mühle an, so sprach sie hochdeutsch und fragte erst langsam: „Wer ist da? Wer ist da?,“ dann antwortete sie schnell: „Der Müller! Der Müller!,“ und endlich ganz geschwind: „Stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Achtel drei Sechter.“

Zu dieser Zeit hatten auch die Vögel ihre eigene Sprache, die jedermann verstand, jetzt lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen und bei einigen wie Musik ohne Worte. Es kam aber den Vögeln in den Sinn, sie wollten nicht länger ohne Herrn sein und einen unter sich zu ihrem König wählen. Nur einer von ihnen, der Kiebitz, war dagegen; frei hatte er gelebt, und frei wollte er sterben, und angstvoll hin und her fliegend rief er: „Wo bliew ick? Wo bliew ick?“ Er zog sich zurück in einsame und unbesuchte Sümpfe und zeigte sich nicht wieder unter seinesgleichen.

Die Vögel wollten sich nun über die Sache besprechen, und an einem schönen Maimorgen kamen sie alle aus Wäldern und Feldern zusammen, Adler und Buchfinke, Eule und Krähe, Lerche und Sperling, was soll ich sie alle nennen? Selbst der Kuckuck kam und der Wiedehopf, sein Küster, der so heißt, weil er sich immer ein paar Tage früher hören lässt; auch ein ganz kleiner Vogel, der noch keinen Namen hatte, mischte sich unter die Schar. Das Huhn, das zufällig von der ganzen Sache nichts gehört hatte, verwunderte sich über die große Versammlung.

„Wat, wat, wat is den dar to don?“ gackerte es, aber der Hahn beruhigte seine liebe Henne und sagte: „Luter riek Lüd!,“ erzählte ihr auch, was sie vor hatten. Es ward aber beschlossen, dass der König sein sollte, der am höchsten fliegen könnte. Ein Laubfrosch, der im Gebüsche saß, rief, als er das hörte, warnend: „Natt, natt, natt! Natt, natt, natt!,“ weil er meinte, es würden deshalb viel Tränen vergossen werden. Die Krähe aber sagte: „Quark ok!,“ es sollte alles friedlich abgehen.

Es ward nun beschlossen, sie wollten gleich an diesem schönen Morgen aufsteigen, damit niemand hinterher sagen könnte: „Ich wäre wohl noch höher geflogen, aber der Abend kam, da konnte ich nicht mehr.“ Auf ein gegebenes Zeichen erhob sich also die ganze Schar in die Lüfte. Der Staub stieg da von dem Felde auf, es war ein gewaltiges Sausen und Brausen und Fittich schlagen, und es sah aus, als wenn eine schwarze Wolke dahin zog. Die kleineren Vögel aber blieben bald zurück, konnten nicht weiter und fielen wieder auf die Erde.

Die größeren hielten’s länger aus, aber keiner konnte es dem Adler gleichtun, der stieg so hoch, dass er der Sonne hätte die Augen aushacken können. Und als er sah, dass die anderen nicht zu ihm herauf konnten, so dachte er: Was willst du noch höher fliegen, du bist doch der König, und fing an sich wieder herab zu lassen. Die Vögel unter ihm riefen ihm alle gleich zu: „Du musst unser König sein, keiner ist höher geflogen als du.“

„Ausgenommen ich,“ schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte. Und da er nicht müde war, so stieg er auf und stieg so hoch, dass er Gott auf seinem Stuhle konnte sitzen sehen. Als er aber so weit gekommen war, legte er seine Flügel zusammen, sank herab und rief unten mit feiner, durchdringender Stimme: „König bün ick! König bün ick!“

„Du unser König?“ schrien die Vögel zornig. „Durch Ränke und Listen hast du es dahin gebracht.“ Sie machten eine andere Bedingung, der sollte ihr König sein, der am tiefsten in die Erde fallen könnte. Wie klatschte da die Gans mit ihrer breiten Brust wieder auf das Land! Wie scharrte der Hahn schnell ein Loch! Die Ente kam am schlimmsten weg, sie sprang in einen Graben, verrenkte sich aber die Beine und watschelte fort zum nahen Teiche mit dem Ausruf: „Pracherwerk! Pracherwerk!“ Der Kleine ohne Namen aber suchte ein Mäuseloch, schlüpfte hinab und rief mit seiner feinen Stimme heraus: „König bün ick! König bün ick!“

„Du unser König?“ riefen die Vögel noch zorniger. „Meinst du, deine Listen sollten gelten?“ Sie beschlossen, ihn in seinem Loch gefangen zu halten und auszuhungern. Die Eule ward als Wache davorgestellt. Sie sollte den Schelm nicht herauslassen, so lieb ihr das Leben wäre. Als es aber Abend geworden war und die Vögel von der Anstrengung beim Fliegen große Müdigkeit empfanden, so gingen sie mit Weib und Kind zu Bett. Die Eule allein blieb bei dem Mäuseloch stehen und blickte mit ihren großen Augen unverwandt hinein.

Indessen war sie auch müde geworden und dachte: Ein Auge kannst du wohl zu tun, du wachst ja noch mit dem anderen, und der kleine Bösewicht soll nicht aus seinem Loch heraus. Also tat sie das eine Auge zu und schaute mit dem anderen steif auf das Mäuseloch. Der kleine Kerl guckte mit dem Kopf heraus und wollte wegwitschen, aber die Eule trat gleich davor, und er zog den Kopf wieder zurück.

Dann tat die Eule das eine Auge wieder auf und das andere zu und wollte so die ganze Nacht abwechseln. Aber als sie das eine Auge wieder zumachte, vergaß sie das andere aufzutun, und sobald die beiden Augen zu wahren, schlief sie ein. Der Kleine merkte das bald und schlüpfte weg.

Von der Zeit an darf sich die Eule nicht mehr am Tage sehen lassen, sonst sind die anderen Vögel hinter ihr her und zerzausen ihr das Fell. Sie fliegt nur zur Nachtzeit aus, hasst aber und verfolgt die Mäuse, weil sie solche böse Löcher machen. Auch der kleine Vogel lässt sich nicht gerne sehen, weil er fürchtet, es ginge ihm an den Kragen, wenn er erwischt würde. Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen: „König bün ick!,“ und deshalb nennen ihn die anderen Vögel aus Spott Zaunkönig.

Niemand aber war froher als die Lerche, dass sie dem Zaunkönig nicht zu gehorchen brauchte. Wie sich die Sonne blicken lässt, steigt sie in die Lüfte und ruft: „Ach, wo is dat schön! Schön is dat! Schön! Schön! Ach, wo is dat schön!“

Hintergründe zum Märchen „Der Zaunkönig“

„Der Zaunkönig“ (KHM 171) ist ein Tiermärchen aus der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Das Märchen basiert auf einer Fassung von Johann Jakob Nathanael Mussäus im Jahrbuch des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde von 1840 und einer Fassung von Karl Goedeke. Die Brüder Grimm haben diese beiden Fassungen kombiniert und adaptiert.

Die Handlung des Märchens ist in verschiedenen Formen seit der Antike belegt, etwa in Äsops Fabeln, und hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Die Geschichte des Zaunkönigs ist ein Beispiel für die Rolle von List und Klugheit bei der Lösung von Konflikten oder der Erreichung von Zielen. Die Geschichte des Zaunkönigs enthält mehrere zentrale Motive und Themen, darunter die Idee der Königswahl, den Einsatz von List und Klugheit und die Etablierung von Hierarchien und Machtstrukturen. Darüber hinaus behandelt das Märchen ätiologische Aspekte, indem es erklärt, warum der Zaunkönig seinen Namen trägt, warum Vögel die Eule hassen, und warum die Eule Mäuse jagt.

Der Zaunkönig ist nicht nur in der deutschen Literatur und Folklore präsent, sondern auch in anderen Kulturen und Sprachen. So wird der Zaunkönig im Griechischen als „Basileus“ (König) oder „Basiliskos“ (Königlein) bezeichnet, und in Japan wird er als „König der Vögel“ bezeichnet. Das Märchen zeigt auch lautmalerische Züge und verwendet Dialoge in Dialekten, was zu seinem Charme und seiner Authentizität beiträgt. Insgesamt zeigt der Hintergrund von „Der Zaunkönig“ (KHM 171) die vielfältigen Einflüsse und Motive, die in diesem Tiermärchen zusammenkommen. Die Brüder Grimm haben durch ihre Sammlung und Bearbeitung dieser Geschichte dazu beigetragen, dass sie bis heute in der Literatur und Folklore präsent ist.

Interpretationen zum Märchen „Der Zaunkönig“

„Der Zaunkönig“ (KHM 171) bietet Raum für verschiedene Interpretationen und Lesarten. Hier sind einige mögliche Interpretationen des Märchens:

List und Klugheit: Eine zentrale Botschaft des Märchens ist, dass List und Klugheit oft wichtiger sind als Größe oder Stärke. Der kleine Zaunkönig schafft es, sich gegenüber den anderen Vögeln durchzusetzen, indem er cleverer ist als sie und ihre Regeln zu seinem Vorteil nutzt. Diese Botschaft unterstreicht den Wert von Intelligenz und Einfallsreichtum und zeigt, dass auch vermeintlich Schwächere erfolgreich sein können, wenn sie ihre Stärken richtig einsetzen.

Macht und Hierarchie: Das Märchen thematisiert die Frage der Macht und Hierarchie in der Gesellschaft, indem es zeigt, wie die Vögel einen König wählen und wie dieser Prozess von List und Klugheit beeinflusst wird. Die Wahl des Königs kann als Metapher für die Machtverhältnisse in menschlichen Gesellschaften gesehen werden, in denen oft nicht die Stärksten oder Weisesten, sondern diejenigen an die Macht kommen, die am geschicktesten ihre Interessen durchsetzen können.

Ätiologische Erklärungen: Das Märchen bietet auch ätiologische Erklärungen für bestimmte Aspekte der Natur, insbesondere die Beziehungen zwischen den verschiedenen Tierarten. Es erklärt, warum der Zaunkönig seinen Namen trägt, warum Vögel die Eule hassen und warum die Eule Mäuse jagt. Diese Erklärungen verleihen dem Märchen eine zusätzliche Bedeutungsebene und verankern es in der natürlichen Welt und dem menschlichen Versuch, diese zu verstehen und zu erklären.

Individualität und Freiheit: Der Kiebitz im Märchen entscheidet sich dafür, nicht am Wettbewerb um die Königswürde teilzunehmen und seine Freiheit zu bewahren. Dies kann als ein Plädoyer für Individualität und die Bedeutung von persönlicher Freiheit gesehen werden, auch in einer Welt, in der Macht und Hierarchie eine große Rolle spielen.

Insgesamt bietet „Der Zaunkönig“ (KHM 171) verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, die das Märchen zu einer interessanten und vielschichtigen Erzählung machen. Die Themen von List und Klugheit, Macht und Hierarchie, ätiologischen Erklärungen und Individualität und Freiheit sind dabei zentrale Aspekte, die zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.

Adaptionen zum Märchen „Der Zaunkönig“

Im Laufe der Jahre haben viele Künstler, Autoren und Filmemacher das Märchen „Der Zaunkönig“ (KHM 171) von den Gebrüder Grimm adaptiert und auf verschiedene Weise neu interpretiert. Hier sind einige konkrete Beispiele für Adaptionen des Märchens:

Illustrationen: Verschiedene Künstler haben im Laufe der Zeit Illustrationen zum Märchen „Der Zaunkönig“ geschaffen, die die verschiedenen Aspekte der Geschichte visualisieren. Beispiele hierfür sind die Illustrationen von Otto Ubbelohde aus dem Jahr 1909, die verschiedene Szenen des Märchens in detailreichen Zeichnungen festhalten.

Theater- und Puppenspieladaptionen: Das Märchen „Der Zaunkönig“ wurde auch für das Theater und Puppenspiel adaptiert, wobei die Handlung und die Figuren auf die Bühne gebracht wurden. Eine solche Adaption könnte zum Beispiel in Form eines Kinder- oder Schultheaterstücks erfolgen, bei dem die jungen Darsteller die verschiedenen Vögel und die Eule verkörpern und die Geschichte auf unterhaltsame Weise zum Leben erwecken.

Kinderbücher und Hörspiele: „Der Zaunkönig“ wurde auch in verschiedenen Kinderbuch- und Hörspielversionen neu erzählt. In diesen Adaptionen wird die Geschichte oft vereinfacht und kindgerecht aufbereitet, sodass sie für junge Leser und Zuhörer leicht verständlich ist. Beispiele hierfür sind Bücher wie „Grimms Märchen für Kinder“ oder Hörspiele, die die Geschichte in einer leicht verständlichen Sprache und mit passenden Soundeffekten präsentieren.

Film- und Fernsehadaptionen: Obwohl es bisher keine großen Film- oder Fernsehadaptionen von „Der Zaunkönig“ gibt, könnte das Märchen in einer animierten oder Live-Action-Version für das moderne Publikum adaptiert werden. Eine solche Adaption könnte die Geschichte in einen zeitgenössischen Kontext stellen und die Themen von List, Klugheit, Macht und Hierarchie auf neue und interessante Weise untersuchen.

Parodien und humoristische Adaptionen: „Der Zaunkönig“ bietet auch Raum für humoristische Interpretationen und Parodien, die die Geschichte auf eine satirische oder komödiantische Weise neu erzählen. Eine solche Adaption könnte zum Beispiel in Form eines humorvollen Gedichts oder einer Karikatur erfolgen, die die verschiedenen Aspekte der Geschichte auf amüsante Weise kommentiert.

Insgesamt gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, wie das Märchen „Der Zaunkönig“ (KHM 171) von den Gebrüder Grimm adaptiert und neu interpretiert werden kann. Durch diese Adaptionen bleibt die Geschichte lebendig und erreicht neue Generationen von Lesern, Zuschauern und Zuhörern.

Zusammenfassung der Handlung

In dem Märchen „Der Zaunkönig“ (KHM 171) von den Gebrüder Grimm geht es um die Vögel, die sich einen König wählen möchten. In alter Zeit können alle Dinge und Tiere miteinander sprechen. Die Vögel beschließen, einen König zu wählen, aber der Kiebitz möchte frei bleiben und zieht sich in die Sümpfe zurück.

Die Vögel versammeln sich, um einen König zu bestimmen. Sie legen fest, dass derjenige König werden soll, der am höchsten fliegen kann. Bei diesem Wettbewerb steigt der Adler am höchsten empor. Als der Adler jedoch wieder herabkommt, taucht ein kleiner, namenloser Vogel aus seinem Brustgefieder auf und behauptet, er sei König. Die anderen Vögel erkennen die List nicht an und beschließen, dass derjenige König sein soll, der am tiefsten in die Erde fallen kann.

Der kleine Vogel, der später als Zaunkönig bekannt wird, sucht sich ein Mauseloch, um in die Erde zu fallen. Die anderen Vögel wollen ihn aushungern und setzen die Eule als Wächterin vor das Loch. Die Eule wacht mit einem Auge, während das andere schläft, aber sie vergisst, das schlafende Auge wieder aufzumachen, als das andere schließt. Dadurch entkommt der Zaunkönig. Seitdem hassen die Vögel die Eule, die Eule jagt Mäuse, und der Zaunkönig drückt sich in Zäunen herum. Durch seine List und Klugheit hat der Zaunkönig sich seinen Namen und seine Rolle in der Welt der Vögel gesichert.

Informationen für wissenschaftliche Analysen


Kennzahl
Wert
NummerKHM 171
Aarne-Thompson-Uther-IndexATU Typ 221
ÜbersetzungenDE, EN, DA, ES, FR, PT, IT, JA, NL, PL, RU, TR, VI, ZH
Lesbarkeitsindex nach Amstad81.3
Lesbarkeitsindex nach Björnsson28.8
Flesch-Reading-Ease Index70.2
Flesch–Kincaid Grade-Level7
Gunning Fog Index7.9
Coleman–Liau Index11
SMOG Index9.1
Automated Readability Index7.1
Zeichen-Anzahl6.186
Anzahl der Buchstaben4.836
Anzahl der Sätze75
Wortanzahl1.063
Durchschnittliche Wörter pro Satz14,17
Wörter mit mehr als 6 Buchstaben155
Prozentualer Anteil von langen Wörtern14.6%
Silben gesamt1.536
Durchschnittliche Silben pro Wort1,44
Wörter mit drei Silben77
Prozentualer Anteil von Wörtern mit drei Silben7.2%
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