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Die Nelke
Grimm Märchen

Die Nelke - Märchen der Gebrüder Grimm

Vorlesezeit für Kinder: 13 min

Es war eine Königin, die hatte unser Herrgott verschlossen, dass sie keine Kinder gebar. Da ging sie alle Morgen in den Garten und bat zu Gott im Himmel, er möchte ihr einen Sohn oder eine Tochter bescheren. Da kam ein Engel vom Himmel und sprach „gib dich zufrieden, du sollst einen Sohn haben mit wünschlichen Gedanken, denn was er sich wünscht auf der Welt, das wird er erhalten.“ Sie ging zum König und sagte ihm die fröhliche Botschaft, und als die Zeit herum war, gebar sie einen Sohn, und der König war in großer Freude.

Nun ging sie alle Morgen mit dem Kind in den Tiergarten, und wusch sich da bei einem klaren Brunnen. Es geschah einstmals, als das Kind schon ein wenig älter war, dass es ihr auf dem Schoß lag und sie entschlief. Da kam der alte Koch, der wusste, dass das Kind wünschliche Gedanken hatte, und raubte es, und nahm ein Huhn und zerriss es, und tropfte ihr das Blut auf die Schürze und das Kleid. Da trug er das Kind fort an einen verborgenen Ort, wo es eine Amme tränken musste, und lief zum König und klagte die Königin an, sie habe ihr Kind von den wilden Tieren rauben lassen. Und als der König das Blut an der Schürze sah, glaubte er es und geriet in einen solchen Zorn, dass er einen tiefen Turm bauen ließ, in den weder Sonne noch Mond schien, und ließ seine Gemahlin hineinsetzen und vermauern; da sollte sie sieben Jahre sitzen, ohne Essen und Trinken, und sollte verschmachten. Aber Gott schickte zwei Engel vom Himmel in Gestalt von weißen Tauben, die mussten täglich zweimal zu ihr fliegen und ihr das Essen bringen, bis die sieben Jahre herum waren.

Der Koch aber dachte bei sich „hat das Kind wünschliche Gedanken und ich bin hier, so könnte es mich leicht ins Unglück stürzen.“ Da machte er sich vom Schloss weg und ging zu dem Knaben, der war schon so groß, dass er sprechen konnte, und sagte zu ihm „wünsche dir ein schönes Schloss mit einem Garten, und was dazu gehört.“ Und kaum waren die Worte aus dem Munde des Knaben, so stand alles da, was er gewünscht hatte. Ober eine Zeit sprach der Koch zu ihm „es ist nicht gut, dass du so allein bist, wünsche dir eine schöne Jungfrau zur Gesellschaft.“ Da wünschte sie der Königssohn herbei, und sie stand gleich vor ihm, und war so schön, wie sie kein Maler malen konnte. Nun spielten die beiden zusammen und hatten sich von Herzen lieb, und der alte Koch ging auf die Jagd wie ein vornehmer Mann.

Es kam ihm aber der Gedanke, der Königssohn könnte einmal wünschen, bei seinem Vater zu sein, und ihn damit in große Not bringen. Da ging er hinaus, nahm das Mädchen beiseite und sprach „diese Nacht, wenn der Knabe schläft, so geh an sein Bett und stoß ihm das Messer ins Herz, und bring mir Herz und Zunge von ihm; und wenn du das nicht tust, so sollst du dein Leben verlieren.“ Darauf ging er fort, und als er am anderen Tag wiederkam, so hatte sie es nicht getan und sprach „was soll ich ein unschuldiges Blut ums Leben bringen, das noch niemand beleidigt hat?“ Sprach der Koch wieder „wo du es nicht tust, so kostet dich’s selbst dein Leben.“ Als er weggegangen war, ließ sie sich eine kleine Hirschkuh herbeiholen und ließ sie schlachten, und nahm Herz und Zunge, und legte sie auf einen Teller, und als sie den Alten kommen sah, sprach sie zu dem Knaben „leg dich ins Bett und zieh die Decke über dich.“

Da trat der Bösewicht herein und sprach „wo ist Herz und Zunge von dem Knaben?, Das Mädchen reichte ihm den Teller, aber der Königssohn warf die Decke ab und sprach „du alter Sünder, warum hast du mich töten wollen? nun will ich dir dein Urteil sprechen. Du sollst ein schwarzer Pudelhund werden und eine goldene Kette um den Hals haben, und sollst glühende Kohlen fressen, dass dir die Lohe zum Hals herausschlägt.“ Und wie er die Worte ausgesprochen hatte, so war der Alte in einen Pudelhund verwandelt, und hatte eine goldene Kette um den Hals, und die Köche mussten lebendige Kohlen heraufbringen, die fraß er, dass ihm die Lohe aus dem Hals herausschlug. Nun blieb der Königssohn noch eine kleine Zeit da und dachte an seine Mutter, und ob sie noch am Leben wäre. Endlich sprach er zu dem Mädchen „ich will heim in mein Vaterland, willst du mit mir gehen, so will ich dich ernähren.“ – „Ach,“ antwortete sie, „der Weg ist so weit, und was soll ich in einem fremden Lande machen, wo ich unbekannt bin.“ Weil es also ihr Wille nicht recht war, und sie doch voneinander nicht lassen wollten, wünschte er sie zu einer schönen Nelke und steckte sie bei sich.

Da zog er fort, und der Pudelhund musste mitlaufen, und zog in sein Vaterland. Nun ging er zu dem Turm, wo seine Mutter darinsaß, und weil der Turm so hoch war, wünschte er eine Leiter herbei, die bis obenhin reichte. Da stieg er hinauf und sah hinein und rief „herzliebste Mutter, Frau Königin, seid Ihr noch am Leben, oder seid Ihr tot?“ Sie antwortete „ich habe ja eben gegessen und bin noch satt,“ und meinte, die Engel wären da. Sprach er „ich bin Euer lieber Sohn, den die wilden Tiere Euch sollen vom Schoß geraubt haben: aber ich bin noch am Leben und will Euch bald erretten.“ Nun stieg er herab und ging zu seinem Herrn Vater, und ließ sich anmelden als ein fremder Jäger, ob er könnte Dienste bei ihm haben.

Antwortete der König ja, wenn er gelernt wäre und ihm Wildbret schaffen könnte, sollte er herkommen; es hatte sich aber auf der ganzen Grenze und Gegend niemals Wild aufgehalten. Da sprach der Jäger, er wollte ihm so viel Wild schaffen, als er nur auf der königlichen Tafel brauchen könnte. Dann hieß er die Jägerei zusammenkommen, sie sollten alle mit ihm hinaus in den Wald gehen. Da gingen sie mit, und draußen hieß er sie einen großen Kreis schließen, der an einem Ende offen blieb, und dann stellte er sich hinein und fing an zu wünschen. Alsbald kamen zweihundert und etliche Stück Wildbret in den Kreis gelaufen, und die Jäger mussten es schießen. Da ward alles auf sechzig Bauernwagen geladen und dem König heimgefahren; da konnte er einmal seine Tafel mit Wildbret zieren, nachdem er lange Jahre keins gehabt hatte.

Nun empfand der König große Freude darüber und bestellte, es sollte des anderen Tags seine ganze Hofhaltung bei ihm speisen, und machte ein großes Gastmahl. Wie sie alle beisammen waren, sprach er zu dem Jäger „weil du so geschickt bist, so sollst du neben mir sitzen.“ Er antwortete „Herr König, Eure Majestät halte zu Gnaden, ich bin ein schlechter Jägerbursch.“ Der König aber bestand darauf und sagte „du sollst dich neben mich setzen,“ bis er es tat. Wie er da saß, dachte er an seine liebste Frau Mutter, und wünschte, dass nur einer von des Königs ersten Dienern von ihr anfinge und fragte, wie es wohl der Frau Königin im Turm ginge, ob sie wohl noch am Leben wäre oder verschmachtet. Kaum hatte er es gewünscht, so fing auch schon der Marschall an und sprach „königliche Majestät, wir leben hier in Freuden, wie geht es wohl der Frau Königin im Turm, ob sie wohl noch am Leben oder verschmachtet ist?“ Aber der König antwortete ’sie hat mir meinen lieben Sohn von den wilden Tieren zerreißen lassen, davon will ich nichts hören.“

Da stand der Jäger auf und sprach, „gnädigster Herr Vater, sie ist noch am Leben, und ich bin ihr Sohn, und die wilden Tiere haben ihn nicht geraubt, sondern der Bösewicht, der alte Koch, hat es getan, der hat mich, als sie eingeschlafen war, von ihrem Schoß weggenommen und ihre Schürze mit dem Blut eines Huhns betropft.“ Darauf nahm er den Hund mit dem goldenen Halsband und sprach „das ist der Bösewicht,“ und ließ glühende Kohlen bringen, die musste er angesichts aller fressen, dass ihm die Flamme aus dem Hals schlug. Darauf fragte er den König, ob er ihn in seiner wahren Gestalt sehen wollte, und wünschte ihn wieder zum Koch, da stand er alsbald mit der weißen Schürze und dem Messer an der Seite. Der König, wie er ihn sah, ward zornig und befahl, dass er in den tiefsten Kerker sollte geworfen werden. Darauf sprach der Jäger weiter „Herr Vater, wollt Ihr auch das Mädchen sehen, das mich so zärtlich aufgezogen hat und mich hernach ums Leben bringen sollte, es aber nicht getan hat, obgleich sein eigenes Leben auf dem Spiel stand?“ Antwortete der König „ja, ich will sie gerne sehen.“ Sprach der Sohn „gnädigster Herr Vater, ich will sie Euch zeigen in Gestalt einer schönen Blume.“ Und griff in die Tasche und holte die Nelke, und stellte sie auf die königliche Tafel und sie war so schön, wie der König nie eine gesehen hatte. Darauf sprach der Sohn „nun will ich sie auch in ihrer wahren Gestalt zeigen,“ und wünschte sie zu einer Jungfrau; da stand sie da und war so schön, dass kein Maler sie hätte schöner malen können.

Der König aber schickte zwei Kammerfrauen und zwei Diener hinab in den Turm, die sollten die Frau Königin holen und an die königliche Tafel bringen. Als sie aber dahin geführt ward, aß sie nichts mehr und sagte „der gnädige barmherzige Gott, der mich im Turm erhalten hat, wird mich bald erlösen.“ Da lebte sie noch drei Tage und starb dann selig; und als sie begraben ward, da folgten ihr die zwei weißen Tauben nach, die ihr das Essen in den Turm gebracht hatten und Engel vom Himmel waren, und setzten sich auf ihr Grab. Der alte König ließ den Koch in vier Stücke zerreißen, aber der Gram zehrte an seinem Herzen, und er starb bald. Der Sohn heiratete die schöne Jungfrau, die er als Blume in der Tasche mitgebracht hatte, und ob sie noch leben, das steht bei Gott.

Lesen Sie ein Kurz-Märchen (5 min)

Hintergründe zum Märchen „Die Nelke“

„Die Nelke“ ist ein deutsches Märchen, das von den Gebrüdern Grimm in Grimms Märchen als Märchen Nummer 76 gesammelt wurde. Es ist Aarne-Thompson Typ 652 (der Junge, dessen Wünsche immer in Erfüllung gehen).

Handlung und Zusammenfassung des Märchen

Eine kinderlose Königin betete für ein Kind. Ein Engel sagte ihr, dass sie einen Sohn mit der Kraft des Wunsches bekommen würde. Sie hatte einen solchen Sohn, und jeden Tag ging sie mit dem Kind in einen Park, in dem wilde Tiere gehalten wurden. Dort wusch sie sich in einem Bach. Eines Tages stahl ein Koch das Kind und befleckte die Kleidung der Königin mit Hühnerblut; dann beschuldigte er die Königin, das Kind essen zu lassen. Die Königin wurde in einem Turm gefangen gehalten, um zu verhungern, aber Engel wurden geschickt, um sie zu füttern.

Aus Angst, erwischt zu werden, wünschte der Koch dem Prinzen ein Schloss und ein kleines Mädchen als Gefährtin; sie lebten dort, aber der Koch fürchtete, der Junge würde sich seinen Vater wünschen und sein Verbrechen aufdecken, und sagte dem Mädchen, das zu einer Jungfrau herangewachsen war, sie müsse den Jungen im Schlaf ermorden und ihm Herz und Zunge herausschneiden. Das Mädchen weigerte sich, einen so unschuldigen Menschen zu ermorden, aber die Köchin drohte, sie am nächsten Tag zu töten, wenn sie nicht gehorchte. Sie tötete eine Hirschkuh und schnitt ihr Herz und ihre Zunge heraus; dann ließ sie den Jungen sich im Bett verstecken. Die Köchin fragte nach dem Mord, und der Junge stieg aus dem Bett und verwandelte ihn wegen seines Verrats in einen Pudel.

Der Junge wünschte sich, nach Hause zu gehen. Das Mädchen erschrak bei dem Gedanken an die Reise, also verwandelte der Junge sie in eine Nelke und ging nach Hause, wobei der Pudel hinterherlief und die Nelke in seiner Tasche hatte. Er ging zu seiner Mutter, die ihn zunächst für die Engel hielt, die sie fütterten; er versicherte ihr, er würde sie befreien. Dann arbeitete er als Jäger für seinen eigenen Vater. Er jagte so viel Wild, dass der König darauf bestand, dass der Jäger beim Festmahl neben ihm saß. Während des Festes enthüllt der Junge, dass er der Sohn des Königs ist und dass der Koch die ganze Zeit hinter dem bösen Plan stand. Er verwandelte den Koch wieder in seine eigene Gestalt, und der König ließ ihn hinrichten; er verwandelte die Nelke wieder in die Jungfrau, und weil sie ihn so zärtlich erzogen und sich geweigert hatte, ihn zu ermorden, genehmigte der König ihre Heirat.

Die Königin wurde freigelassen, weigerte sich aber zu essen, weil Engel, die sie unterstützt hatten, sie nun erlösen würden. Sie starb drei Tage später, und der König starb vor Kummer, aber der Prinz heiratete das Mädchen, und sie regierten gemeinsam das Königreich.

Informationen für wissenschaftliche Analysen


Statistiken zum Märchen
Wert
NummerKHM 76
Aarne-Thompson-Uther-IndexATU Typ 652
Übersetzungen english
Lesbarkeitsindex nach Amstad70.1
Lesbarkeitsindex nach Björnsson42.1
Flesch-Reading-Ease Index59.2
Flesch–Kincaid Grade-Level11.6
Gunning Fog Index12.8
Coleman–Liau Index10.8
SMOG Index11.4
Automated Readability Index12
Zeichen-Anzahl9.528
Anzahl der Buchstaben7.540
Anzahl der Sätze63
Wortanzahl1.668
Durchschnittliche Wörter pro Satz26,48
Wörter mit mehr als 6 Buchstaben260
Prozentualer Anteil von langen Wörtern15.6%
Silben gesamt2.380
Durchschnittliche Silben pro Wort1,43
Wörter mit drei Silben128
Prozentualer Anteil von Wörtern mit drei Silben7.7%

Bildquellen: © Andrea Danti / Shutterstock

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